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Die Schwierigkeiten im Begriff des Seienden

der Gegner von ihrem Seinssinn her zu verstehen, sagen sie, daß das, was die anderen für seiend halten, nichts an­deres ist als γένεσις, ein »Werden«, eine γένεσις φερομένη, ein Werden, das den Charakter der φορά, des Ortswechsels, hat im weitesten Sinne der Bewegung. Körperliches Sein ist anwe­send, ist da in der Widerständigkeit, d.h. zugleich in der Bewe­gung. - Έν μέσω δέ περί ταύτα άπλετος αμφοτέρων μάχη (246c2 sq), »zwischen diesen beiden tobt nun der Kampf«, und man muß, um das Bild festzuhalten, sich vorstellen, daß Plato selbst mit seiner Erörterung in der Mitte steht und von der Mitte aus beide Seiten untergräbt.

Um was geht es denn nun eigentlich in dieser γιγαντομαχία περὶ τῆς οὐσίαςΡ Um die Entdeckung des Seienden, das dem Sinn von Sein eigentlich genügt, und damit um den Ausweis des Sinnes der ουσία selbst. Der Sinn der ουσία wird ausgewiesen da­durch, daß aufgewiesen wird das Seiende, das dem Sinn von Sein genügt. Diese letzte Aufgabe ist keine selbständige Aufgabe, sondern sie ist ganz in die erste eingeschlossen. Die Frage nach dem Sinn der ουσία selbst ist für die Griechen ontologisch the­matisch nicht lebendig, sondern sie fragen immer nur: Welches Seiende genügt eigentlich dem Sinn von Sein und welche Charaktere des Seins ergeben sich von da aus? Der Sinn des Seins selbst bleibt ungefragt. Das besagt aber nicht, daß sie keinen Begriff von Sein gehabt hätten. Denn ohne diesen wäre die Frage, was dem Sinn von Sein genügt, ohne Boden und ohne Richtung. Gerade die Tatsache, daß die Griechen nicht nach dem Sinn von Sein fragten, dokumentiert, daß dieser Sinn von Sein für sie selbstverständlich war, eine weiter nicht befragte Selbstverständlichkeit. Dieser Sinn von Sein liegt natürlich nicht am Tage, sondern kann nur durch eine nachkommende Auslegung ausdrücklich verstanden werden. Der Sinn von Sein, der unausdrücklich diese Ontologie leitet, besagt: Sein = Anwesenheit Dieser Sinn von Sein ist für die Griechen nicht irgendwoher geholt, ausgedacht, sondern es ist der, den das Leben selbst, das faktische Dasein, in sich trägt, sofern alles


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes