162

Erste Ausbildung der Phänomenologie

Im Horizont unserer Frage aber liegt doch zugleich der Versuch, das Sein der Akte selbst rein aus ihnen selbst heraus zu bestimmen, wegzukommen von der rein naturalistisch objektivierenden Naturbetrachtung der Akte und des Psychischen. Im Hinblick auf das eigentliche Thema der Phänomenologie bedeutet dies: Erfordert wird eine Besinnung hinsichtlich der Bestimmung der Ausgangsstellung in der Weiterbildung der Phänomenologie, nämlich die Bestimmung des Seins des Bewußtseins angesichts der Art, wie es sich in der natürlichen Einstellung gibt. Diese primäre Erfahrungsart, die den Boden für alle weitere Charakteristik des Bewußtseins abgibt, ist eine Erfahrungsart, die sich als eine theoretische herausstellt, nicht eine im eigentlichen Sinne natürliche, in der das Erfahrene seinem ursprünglichen Sinne nach sich geben könnte. Vielmehr ist die Art und Weise, wie sich Erfahrenes hier gibt, bestimmt durch den Charakter einer Gegenständlichkeit für theoretische Naturbetrachtung und nichts weiter. So ergibt sich, daß die Ausgangsstellung für die Herausarbeitung des reinen Bewußtseins eine theoretische ist, was an sich natürlich zunächst kein Einwand und kein Unglück wäre, aber doch insofern, als nachher vom reinen Bewußtsein aus, das aus dieser theoretischen Basis gewonnen, der Anspruch erhoben wird, zugleich das ganze Feld der Verhaltungen, vor allem die praktischen zu bestimmen. Freilich zeigt sich im weiteren Verlauf der Entwicklung der Phänomenologie das Einwirken der genannten neuen Tendenz, die versucht, über die spezifisch naturalistische Einstellung hinauszukommen und einer personalistischen zum Recht zu verhelfen.

Es ist zu fragen, wie sich menschliches Dasein in der spezifisch personalen Erfahrung gibt, wie sich der Versuch anläßt, von hieraus das Sein der Akte und das Sein des Menschen zu bestimmen. Sofern dieser Versuch gelingen soll, und auf diesem Wege das j Sein des Intentionalen, der Akte, und des konkreten Daseins des Menschen bestimmbar sein sollte, wäre unserer Kritik der Boden entzogen. Es bleibt nachzusehen, wie


Martin Heidegger (GA 20) Prolegomena zur Geschichte Zeitbegriffs