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Nächste Explikation des Daseins

Was der Satz im Grunde meint, was in ihm gesehen wird, ist nicht, daß Seiendes vom Bewußtsein in seinem Sein abhängig sei, und daß das Transzendente eigentlich zugleich ein Immanentes sei, sondern der phänomenale Befund ist: Welt begegnet. Damit ist vom Phänomen selbst die Anweisung gegeben, die Begegnisstruktur, das Begegnen zu interpretieren, und je vorurteilsloser das in Angriff genommen wird, desto eigentlicher wird das begegnende Seiende in seinem Sein bestimmbar.

Das Sein des Seienden besteht nicht im Begegnen, sondern Begegnis von Seiendem ist der phänomenale Boden und der einzige, an dem das Sein des Seienden faßbar wird. Nur die Interpretation von Begegnis des Seienden kann, wenn überhaupt, des Seins des Seienden habhaft werden. Weil vom Seienden als Seiendem gesagt werden muß, daß es >an sich< und unabhängig von einem Erfassen seiner selbst ist, gerade deshalb ist das Sein des Seienden nur im Begegnis vorfindlich und nur aus der phänomenalen Aufweisung und Interpretation der Begegnisstruktur zu erklären, verständlich zu machen. Erklären ist in diesem Falle unangemessen, sofern das Erklären eine abgeleitete, abgefallene Weise der Auslegung und Entdeckung des Seienden ist. Alle Erklärung, wenn wir von Naturerklärung sprechen, ist dadurch ausgezeichnet, daß sie sich im Unverständlichen aufhält. Man kann geradezu sagen: Erklären ist das Auslegen des Unverständlichen, nicht so, daß durch dieses Auslegen das Unverständliche verstanden würde, sondern es bleibt grundsätzlich unverständlich. Natur ist das prinzipiell Erklärbare und zu Erklärende deshalb, weil sie prinzipiell unverständlich ist; sie ist das Unverständliche schlechthin, und sie ist das Unverständliche, weil sie die entweltlichte Welt ist, sofern wir Natur in diesem extremen Sinne des Seienden nehmen, wie es in der Physik entdeckt ist. Das hängt damit zusammen, daß in dieser Erklärungs- und Entdeckungsart der Welt als Natur diese lediglich auf die Präsenz des Seienden in ihr noch erforscht und befragt wird. Das


Martin Heidegger (GA 20) Prolegomena zur Geschichte Zeitbegriffs