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§ 30. Die Unheimlichkeit

sich fürchtet. (Wir haben keinen richtigen Ausdruck dafür, eigentlich müßte man sagen das »Fürchterliche« oder das »Furchtbare«, wenn man »fürchterlich« in einem ganz formalen Struktursinn nimmt und nicht in irgendeiner Abwertung.) Drittens haben wir das Worum des Fürchtens. Sichfürchten ist nicht nur Sichfürchten vor, sondern zugleich immer Fürchten um. Viertens sind die Weisen des Seins zu diesem, worum die Furcht in Furcht ist, zu untersuchen.

Zum ersten Strukturmoment, zum Wovor des Fürchtens, ist zu sagen: Das Wovor der Furcht hat den Charakter des weltlich Begegnenden; es hat den Seinscharakter der Bedeutsamkeit. Das der Furcht im Charakter der Bedeutsamkeit Begegnende ist etwas Abträgliches, wie Aristoteles sagt, ein κακόν, malum, und zwar ist dieses Abträgliche immer etwas Bestimmtes. Wir würden, wenn wir den Begriff hier schon hätten, sagen, etwas Geschichtliches, etwas Bestimmtes, das in die vertraute Welt des besorgenden Umganges hereinbricht. Entscheidend ist nun zu sehen, wie dieses Abträgliche begegnet, nämlich als noch nicht Vorhandenes, aber erst Kommendes. Dieses noch nicht Anwesende, aber Kommende — eine eigentümliche Präsenz — ist dabei weiterhin wesenhaft in der Nähe, genauer: es ist ein noch nicht Vorhandenes als sich Näherndes. Was noch in weiter Ferne ist, wird, wie Aristoteles richtig sagt, nicht eigentlich gefürchtet, bzw. das Fürchten davor kann ausgeschaltet werden durch ein Sichklarmachen, daß es ja noch Zeit hat, bis es kommt, und es tritt ja, sofern es noch ganz in der Feme ist, vermutlich gar nicht ein. Die eigentümliche Nähe des noch nicht vorhandenen Kommenden macht die Begegnisstruktur dieses Abträglichen aus. Als die bestimmte, noch nicht anwesende Abträglichkeit drängt sie von ihr selbst her in das Vorhanden-werden. Was eine solche Struktur des Begegnens hat, bezeichnen wir als bedrohlich. Zur Bedrohlichkeit gehören die Strukturmomente des noch nicht anwesend aber kommend, des Abträglichen, des noch nicht vorhanden aber herannahend. Das Wovor der Furcht hat so den Charakter der Bedrohlichkeit;


Martin Heidegger (GA 20) Prolegomena zur Geschichte Zeitbegriffs

History of the Concept of Time pp. 285-286