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§ H. Die Sorge

und dergleichen sind, im Gerede aufgehen. Wenn jede Forschung und Wissenschaft diese Möglichkeit des Verfallens in sich trägt und notwendig ist, versteht sich auch, daß die Philosophie notwendig immer ein Stück Sophistik ist, daß sie in sich selbst als Vollzugsform des Daseins diese Gefährdetheit bei sich trägt.

So ist an einem Phänomen, an der Auslegung, deutlich geworden, wie die Struktur der Sorge, im besonderen der Charakter des ›Vor‹, sich bis hinein in die einzelnen Vollzugsformen dieser Seinsarten des Daseins selbst erstreckt. Mit dem Phänomen der Sorge haben wir so die Grundstruktur herausgehoben, von der nun die bisher explizierten Phänomene zu sehen sind. Die ›Vor‹-Struktur der Sorge, insbesondere des Verstehens, ist sichtbar geworden, aufgeklärt wird diese nur dann sein, wenn wir darauf Antwort geben, was in diesem Sich-vorweg-sein und im Schon-sein-bei das Sein eigentlich besagt.


e) Die ›Cura-Fabel‹ als Beleg einer ursprünglichen Selbstauslegung des Daseins


Die Aussage, die Seinsstruktur des Daseins ist Sorge, ist eine phänomenologische, keine vorwissenschaftliche Selbstauslegung wie beispielsweise diese Aussage: ›Das Leben ist Sorge und Mühe‹. In dem ersten Satz ist vielmehr eine Grundstruktur getroffen, davon die genannte Aussage nur einen nächsten alltäglichen Aspekt wiedergibt. Sie kann und muß aber zugleich als Definition des Menschen gefaßt werden, sofern wir das Dasein zum Thema haben. Auch diese Interpretation des Daseins auf das Phänomen der Sorge hin habe ich mir nicht ausgedacht, sie ist auch nicht ans einem bestimmten philosophischen Standpunkt erwachsen — ich habe überhaupt keine Philosophie —, sondern sie legt sich aus der Analyse der Sachen einfach nahe. Nichts ist den Sachen, hier dem Dasein, aufgeredet, sondern aus ihnen (bzw. ihm) selbst ist alles geschöpft;