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Einleitung

Logik, d. h. zugleich nur im lebendigen Wirkungszusammenhang mit konkreter Ausübung einer bestimmten Wissenschaft. Durchsichtigkeit wissenschaftlichen Verhaltens und Lebens besagt: das verstehende Verhältnis zu dem Ganzen einer Wissenschaft, ihren Grundstücken und deren Zusammenhängen. Diese mögen jetzt nur auf dem Wege einer Aufzählung kenntlich gemacht sein :

1. Das Sachfeld einer Wissenschaft.

2. Die Welt, überhaupt das Seiende, aus dem das Sachfeld gehoben ist.

3. Die Grundart dieser Hebung.

4. Der Bezug zur Welt, in der das Sachfeld der Wissenschaft verwurzelt ist.

6. Der führende Hinblick, in dem das Sachfeld befragt wird. 6. Die Art der zu gewinnenden apodiktisch-assertorischen Einsicht.

7. Die zugehörigen Weisen der begrifflichen Ausformung (exakte Begriffe der Physik haben eine andere Struktur als morphologische Begriffe der Botanik oder historische Begriffe der Philologie).

8. Der Modus der beweisenden Mitteilung.

9. Der Sinn der Gültigkeit der Verbindlichkeit der in den einzelnen Wissenschaften gewonnenen »Sätze«,

Alle diese Stücke modifizieren sich je nach den verschiedenen Wissenschaften und Wissensch aftsgruppen.

Durchsichtigkeit der Forschung ist noch nicht erreicht, wenn man einf ach vom Vorkommen dieser Grundstücke in einer Wissenschaft Kenntnis hat, sondern erst dann, wenn diese Stücke gleichsam in der wissenschaftlichen Arbeit bei konkreten Gelegenheiten einem zuspringen, so daß jetzt die Schritte der untersuchenden und aneignenden Arbeit Licht und Führung erhalten, bzw. fraglich und unsicher werden.

Eine Wissenschaft entwickelt sich nicht dadurch, daß irgendein Gelehrter in einem bestimmten Fall etwas Neues findet, sondern der Ruck, in dem eine Wissenschaft vorwärts kommt,


Martin Heidegger (GA 21) Logik Die frage nach der Wahrheit

GA 21