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Psychologismus und Wahrheitsfrage

Gattung, diese Verwechslung ist schon vorgebildet im Grunde dort, von woher Husserl, in gewissen Grenzen jedenfalls, eine wesentliche Orientierung genommen hat, nämlich in Lotzes Lehre von der Ideenwelt und seiner Interpretation der Platonischen Ideenlehre im 3. Buch seiner »Logik«. Aus diesem Zusammenhang aber stammt zugleich der Ausdruck und die Art der Interpretation des idealen Seins als Geltung. Der Ausdruck Geltung und auch das damit Gemeinte ist durch die Lotzesche Logik für die Gegenwart zur Herrschaft gelangt. Allerdings hat erst nach Husserls Kritik des Psychologisnius und Herausarbeitung des idealen Seins der Geltungsbegriff an Klarheit gewonnen und wurde auch in die Windelband-Rickertschen Werttheorie aufgenommen, so daß man die heutige Logik überhaupt als sogen. Geltungslogik bezeichnen kann.



§ 9. Die Wurzeln dieser Voraussetzungen


Wenn wir bei dieser Überlegung in einen historischen Zusammenhang hineinkommen, so leitet hier nicht die Absicht, historische Abhängigkeiten dieser Kritik nachzuweisen, sondern immer wieder das spezifisch sachliche Interesse an der Frage: Wie wird im Psychologismus sowohl wie in seiner Kritik Wahrheit gefaßt? Wir wissen jetzt: Wahrheit gleich wahrer Satz gleich Geltung. Wir fragen also: Was ist mit »Gelten« gemeint, von welchen Voraussetzungen her ist der Begriff »Geltung« gewonnen? Das Ideale kann man dann nicht als ein Seiendes bezeichnen, wenn man den Terminus Sein in einer verengten Bedeutung gebraucht, so daß er für ein ganz bestimmtes Seiendes vorbehalten bleibt; wenn also Sein und Seiendes nur das bezeichnet, was reales Sein ist, das sinnliche Sein, dann kann man nicht sagen, daß das Ideale sei. Lotze, der den Geltungsbegriff in die Logik eingeführt hat, gebraucht den Ausdruck Sein in dieser verengten Bedeutung, wonach Sein besagt soviel wie Wirklichkeit der Dinge, Sein gleich »Realität« (Vorhandenheit)

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