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§ 10. Antikritische Fragen

wahr. Wahrheit ist die Selbigkeit des Gemeinten und Angeschauten.

Wahrheit ist Selbigkeit (Identität) offenbar nicht überhaupt, denn nicht jede Identität ist schon Wahrheit. Wahrheit aber wird hier im Hinblick auf Identität interpretiert, und zwar Identität des Gemeinten und Angeschauten.

Damit ist jetzt Wahrheit selbst bestimmt. Formal ist zu sagen: Identität ist eine Relation; Wahrheit als Identität ist Relation zwischen Gemeintem und Angeschautem. Wahrheit ist also vgl. oben — die bestimmte Relation (Identität) eines bestimmten So-Wie (so gemeint wie angeschaut).

Wahrsein besagt jetzt: Identisch-sein dieser beiden Relationsglieder. Jetzt bedeutet Wahrsein nicht: Wirklichkeit und Seinsart der Wahrheit, sondern: was Wahrheit selbst sei: die gekennzeichnete Identität.

Ob das freilich die letzte Antwort ist, bleibt dahingestellt. Es ist die Bestimmung der Wahrheit, nach der wir suchen, d. h. die Auslegung, die sich Husserl ergibt in der Erforschung des Erkennens als intentionalem Verhalten, genauer: des Erkennens als Anschauung.4

3. Der Zusammenhang zwischen Satzwahrheit und Anschauungswahrheit. Notwendigkeit eines Rückganges zu Aristoteles.

Wir halten fest, daß jetzt die Wahrheit bestimmt ist nicht primär in Bezug auf den Satz, sondern in Bezug auf das Erkennen


4 Innere Konsequenz des Begriffs der Anschauung und Verständnis der Wahrheit in Rücksicht auf sie, daß nicht erst »Vorstellungsverbindungen« — Urteile (nach Kant: Vorstellung einer Vorstellung— Logik) wahr sind. Wahrheit nicht erst, wo eine Mannigfaltigkeit von Anschauungen und deren Verknüpfungen, sondern eine isolierte Anschauung selbst — in ihrem Gemeinten ausweishar oder nicht »Die strenge Adäquation kann eben nicht-beziehende Intentionen, so gut wie beziehende, mit ihren vollkommenen Erfüllungen in eins setzen; es brauchen, um speziell das Gebiet der Ausdrücke herauszuheben, nicht gerade Urteile als Aussageintentionen oder Aussageerfüllungen in Frage zu kommen, auch nominale [>einstrahlige< Idee] Akte können in eine Adäquation treten« (VI. Logische Untersuchung, 125).


Martin Heidegger (GA 21) Logik Die frage nach der Wahrheit

Logic : the question of truth pp. 89-90

GA 21