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§ 10. Antikritische Fragen

umgekehrt sagen: im Empfinden ist die Sinnlichkeit, die Anschauung offen für die Gegenwart der Sachen.

Zum Erkennen gehört notwendig, daß die Sachen selbst irgendwie überhaupt anwesend sind, ihre Anwesenheit melden; d. h. Erkennen ist notwendig Anschauung; und Erkennen des endlichen Subjekts ist daher notwendig in Sinnlichkeit fundiert, mit der es überhaupt allererst »weltoffen« sein kann.

Das endliche Wesen (der Mensch) muß, soll es überhaupt erkennen, einen intuitus haben; aber als endliches ist ihm der intuitus origin arius versagt, ihm kommt nur zu ein intuitus derivativus. Für einen vornehmen Kantianer, der sich nur mit Geltungen und Kategorien abgibt, sind das greuliche Dinge, und eine solche Kantinterpretation am Ende noch grauenhafter. Aber Kant war kein Kantianer. Und wenn man jetzt anfängt, bei Kant die Metaphysik zu entdecken, so ist das wertvoll als Beitrag zu einer objektiven Bestandsaufnahme dessen, was bei Kant vorliegt gegenüber der Einseitigkeit der Kantianer; aber philosophisch Relevantes ist damit noch nicht gewonnen; denn man hat jetzt zwei Kant und je nach Schätzung der Metaphysik und der Erkenntnistheorie wird man ihn so oder so nehmen — und die andere Seite als unangenehme Zugabe empfinden. Es wird aber notwendig werden, nicht nur beide Seiten von außen zusammenzurücken, sondern zu fragen, warum diese scheinbare Doppelung besteht, worin die Notwendigkeit liegt und damit die fundamentalen Grenzen seiner Philosophie.8

Anschauung bleibt so sehr als Sinn und Kern der Erkenntnis festgehalten, daß auch das Denken nur von da seinen Funktionssinn



8 Kant spricht (Kr. d. r. V., B 51) von der »Sinnlichkeit unserer Anschauung« als »derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigentümlich ist«; keine produktive, sondern gehenlassende, »sinnliche Anschauungsart« — »die darum sinnlich heißt, weil sie nicht ursprünglich, d. i. eine solche ist, durch die selbst das Dasein des Objekts der Anschauung gegeben wird (und die, soviel wir einsehen, nur dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem Dasein des Objekts abhängig, mithin nur dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit des Subjekts durch dasselbe affiziert wird, möglich ist« (Kr. d. r. V., B 72).

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