129
§ 11. Ort der Wahrheit

Wahrheit, genauer, durch Wahr-sein-können bestimmt. Aber selbst diese Fassung ist noch unzureichend. Der Aussagesatz wird von Aristoteles als das Reden bestimmt, das wahr oder falsch sein kann, εστι δε λόγος απας μέν σημαντικός, ... άποφαντικός δέ ού πάς, άλλ' έν φ τό άληθεΰειν ή ψεΐιδεσθαι ΰπάρχει.2

»Jedes Reden weist zwar auf etwas hin (bedeutet überhaupt etwas) - aufweisend, sehenlassend dagegen ist nicht jedes Reden, sondern nur das, darin das Wahrsein oder Falschsein vorkommt« (als die Weise des Redens).

Grundsätzlich wird hieraus klar: Wahrsein ist hier das unterscheidende Merkmal für eine bestimmte Art der Rede, die aussagende. Der Satz ist definiert mit Rücksicht auf Wahrheit und nicht etwa umgekehrt, Wahrheit kommt vom Satz her. Und wenn Aristoteles die Aussage als eine Sonderart des Redens heraushebt mit Rücksicht auf Wahrheit, so muß das recht verstanden werden: nämlich mit Rücksicht auf Wahr- oder Falschsein-können. Wahrheit auf der einen Seite und Wahrsein oder Falschsein auf der anderen — sind ganz verschiedene Phänomene.

Zum Satz gehört nach Aristoteles dieses Entweder - Oder von Wahr — Falsch. Der Satz ist also gerade nach Aristoteles ganz und gar nicht das, was sein muß, damit Wahrheit sein könne, was sie ist. Und wenn ein Satz wahr ist, ist er das, als etwas, das auch falsch sein kann.

Freilich, was dieses Entweder - Oder eigentlich besagt, und warum gerade der Satz von ihm her charakterisiert werden kann, ist damit noch nicht ausgemacht. Noch nicht einmal das, was am Satz es macht, daß er in dieser Alternative stehen muß, ist damit herausgestellt.

Die Rede als Aussage ist aus dem Hinblick auf die genannte Alternative unterschieden und gegen andere Weisen der Rede

2 de interpretatioiie 4, 17 a 1—5.

3 Enuntiativa vero non omnis (oratio), sed inqua verum et falsum inest. Boctius: Comm. in Arist. lib. II. c. 4, p. 95 ed. Bes. 324; »in der es Wahrheit oder Irrtum gibt« (Rolfes S. 4). Das άποφαίνεαΦαΐ betont »Poetik« 6, 1450.

GA 21