164
Das Wahrheitsproblem bei Aristoteles

wenn das Worüber der aufweisenden Rede nicht leibhaft anwesend ist, also nur gemeint ist-ist eben dem Sinne des Aussagens entsprechend das Seiende selbst gemeint und nicht eine Vorstellung und ein Bild, das mit dem gerade nicht vorhandenen Seienden übereinstimmt,

Wahrheit ist kein vorhandenes Verhältnis zwischen zwei Seienden, die vorhanden sind — als psychisches und physisches etwa, auch keine Zuordnung, wie man neuerdings zu sagen liebt. Wenn überhaupt ein Verhältnis, dann ein solches, das gar keine Analogie hat mit irgendeiner Beziehung zwischen Seiendem. Es ist — wenn man überhaupt so sagen kann — das Verhältnis des Daseins als Dasein zu seiner Welt selbst, die Weltoffenheit des Daseins, dessen Sein zur Welt selbst, die in und mit diesem Sein zu ihr aufgeschlossen, entdeckt ist.

Gewiß hat Aristoteles dieses Phänomen nicht eigentlich gesehen, jedenfalls nicht in der ihm eigenen ontologischen Verfassung, aber er hat ebensowenig so etwas wie eine Abbildtheorie der Wahrheit erfunden, sondern sich an die Phänomene gehalten und sie so weit gefaßt, als möglich war, d.h. er hat ein grundsätzliches Fehl-sehen vermieden und damit den Weg frei gehalten, freilich nur dafür, daß er dann gründlichst verschüttet wurde. Die zweite Stelle, von der aus wir Wahrheit und Falschheit verstehen können im Sinne des Aristoteles, ist »Metaphysik«, E 4, 1027 b 20-22. Ich betone, daß diese Erläuterungen der Stellen noch keine eigentliche Interpretation des Phänomens der Wahrheit und Falschheit sondern nur vorbereitend sind, denn wir wollen ja nachher von der σύνθεσις her die Phänomene erst verstehen.

τό μέν γάρ άληθές τήν κατάφασιν έπί τῷ συγκειμένφ εχει τήν δ' άπόφασιν έπί τω διηρημένφ, τό δέ ψεΰδος τούτου τοΰ μερισμοΰ τήν άντίφασι,ν. - »Denn Entdeckung hat (in sich) das Zusprechen (von etwas zu etwas) im Hinblick auf Zusammen-schon-vorhandenes, im gleichen, das Wegsprechen im Hinblick auf Auseinandergenommenes, Auseinandervorhandenes, die Verdek-

GA 21