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Das Wahrheitsproblem bei Aristoteles


verständlich, gemacht werden, warum es möglich ist, beide zunächst in einem Vorstadium der Interpretation des Seins zu identifizieren. Hat man diese Problematik des inneren Zusammenhangs des Seinsverständnisses aus der Zeit einmal verstanden, dann hat man freilich gewissermaßen eine Leuchte, um nun in die Geschichte des Seinsproblems und in die Geschichte der Philosophie überhaupt zurückzuleuchten so daß sie nun Sinn bekommt. Dabei zeigt sich, daß der einzige, der etwas ahnte über den Zusammenhang des Verstehens des Seins und der Seinscharaktere mit der Zeit, Kant ist. Aber sein Zeitbegriff gerade verlegte ihm den Weg, ein grundsätzliches Verständnis des Problems zu gewinnen und das heißt, es überhaupt zu stellen. Kant fand nicht den eigentlichen Boden, um den Schematismus der Verstandesbegriffe der »Kritik der reinen Vernunft«, in dem die Zeit den eigentlichen Grundbegriff bildet, zusammenzubringen mit der Grundfunktion des Bewußtseins, der transzendentalen Apperzeption. Wäre ihm dieser innere Zusammenhang aufgegangen, dann wäre er sicherlich einen wesentlichen Schritt über die ganze Ontologie hinausgekommen, freilich doch ohne hinreichende Grundlage, denn um diesen Schritt zu machen, bedarf es eines Verständnisses der Zeit, das grunds ätzlich mit dem traditionellen bricht. Kant hat aber am traditionellen Zeitbegriff festgehalten, nicht nur das, er hat ihn überhaupt in seiner ganzen Problematik von vornherein auf Erkenntnis und die Frage der Möglichkeit von Erkenntnis, Anschauung, orientiert. Trotzdem bleibt seine Erörterung der Zeit sowohl wie vor allem dann das Problem des Schematismus, das er selbst als ein ganz dunkles bezeichnet, etwas Positives und ist bis heute eigentlich in seiner fundamentalen Bedeutung nicht ausgewertet. Was Bergson mit seinem angeblich neuen Zeitbegriff an Kritik an Kant vorgebracht hat, ist völliges Mißverstehen des Positiven, das bei Kant vorliegt.

Für uns entsteht die Aufgabe, aus dem Einblick in diesen inneren Zusammenhang von Wahrheit, Entdecktheit als Gegenwart und Sein als Anwesenheit nun erst deutlich zu machen,

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