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Was ist Wahrheit?

in seinen nunmehr gesicherten Besitz einzusetzen. In solcher Fürsorge wird der Andere gleichsam als ein Nichts behandelt, d. h. als ein Nichts von Dasein; er ist in der Fürsorge nicht da als eigenes Dasein, sondern als uneigentliches, und d. h. als etwas weltliches Vorhandenes, das nicht durchkommt mit seiner Sache. Wir haben hier zwei extreme Modi der Fürsorge, die eigentliche und die uneigentliche, gekennzeichnet, weil nur von ihnen aus die faktischen Konkretionen sich verständlich machen lassen, Konkretionen, die aus nicht mehr zu erörternden Gründen, die im Dasein selbst liegen, als Mischformen verstanden werden können.

Das Mit- und Zueinandersein im Dasein ist qua daseinsmäßiges immer auch schon Mit- und Zueinandersein in der Welt, und so ein Miteinander- und Füreinanderbesorgen der Welt. Dieses Miteinanderbesorgen ist seinsmäßig verschieden, je nach dem Fürsorgecharakter, den das Besorgen hat, und je nach dem Sorgecharakter überhaupt. Umwelt oder bestimmtes Umweltliches kann unterschiedlich besorgt werden in der Weise, daß jedes Dasein sich zu dieser Welt verhält, als angestellt bei ihr und für das betreffende Besorgen. Das Miteinandersein ist dann lediglich daraus bestimmt, daß man dasselbe betreibt; das darin mögliche Zueinandersein hält sich daher in bestimmten äußeren Grenzen; im Zueinandersein: Abstand und Reserve, wenn nicht gar Mißtrauen. Dieses Miteinandersein kann sich aber umgekehrt auch aus dem eigenen Dasein selbst bestimmen, und dann besteht die primäre Verbundenheit im Miteinandersein nicht aus der Sache, bei der und für die man angestellt ist, sondern primär aus dem eigenen Dasein selbst, das mit dem Anderen ist. Und aus diesem Verbundensein mit dem Anderen kann nun erst eigentlich die rechte Sachlichkeit, d. h. das rechte Besorgen derselben Sache entspringen, und von hier erwächst erst das, was wir heute als Kommunikation bezeichnen. So zeigt sich also eine eigentümliche Verklammerung des Miteinanderseins der Fürsorge mit dem Besorgen der Welt selbst als einem Miteinanderbesorgen der selben Welt.


Martin Heidegger (GA 21) Logik Die frage nach der Wahrheit

GA 21