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Vorbemerkungen

philosophieren. Es gibt keinen mathematischen Begriff der Mathematik, weil diese als solche nicht etwas Mathematisches ist. Es gibt keinen philologischen Begriff der Philologie, weil diese als solche nicht etwas Philologisches ist.

Woran liegt diese Merkwürdigkeit? Im Wesen all dieser Wissenschaften selbst, darin, daß sie positive Wissenschaften sind im Unterschied zur Philosophie, die wir die kritische Wissenschaft nennen.

Positiv: ponere -»setzen«, »legen«; positum -das »Gelegte«, was schon vorliegt. Positive Wissenschaften sind solche, für die das, wovon sie handeln, was ihr Gegenstand und ihr Thema werden kann, schon vorliegt. Die Zahlen gibt es, die Raumverhältnisse bestehen, Natur ist vorhanden, Sprache ist da, ebenso Literatur. All das ist positum, liegt vor. All das ist Seiendes, was die Wissenschaften entdecken. Positive Wissenschaften sind Wissenschaften vom Seienden.

Aber ist das nicht eine Bestimmung, die wesenhaft zu jeder Wissenschaft gehört, also auch zur Philosophie als kritischer Wissenschaft? Oder ist für diese das, was sie zum Thema macht, nicht vorgegeben? Wird ihr Gegenstand und das, was Gegenstand werden soll, erst gedacht, im bloßen Denken erst gesetzt oder gar erfunden? Und wiederum: Sind die positiven Wissenschaften nicht auch kritische Wissenschaften? Sind sie etwa kritiklos, unmethodisch? Gehört nicht zu jeder wissenschaftlichen Methode Kritik? Wenn also Philosophie auch ein Thema hat und keine willkürliche Erfindung ist, dann ist sie doch auch positive Wissenschaft, und umgekehrt ist jede nichtphilosophische positive Wissenschaft als Wissenschaft nicht unkritisch, sondern kritische Wissenschaft. Was soll demnach die Unterscheidung von positiver und kritischer Wissenschaft?

Wenn sie aber zu Recht besteht, dann muß >kritisch< noch etwas anderes besagen als methodisch vorsichtig und vorurteilslos. Und wenn Philosophie auch ihr Thema vorfindet und nicht erfindet, dann muß etwas zum Thema gemacht werden können, was nicht vorliegt, d. h. kein Seiendes ist.


Martin Heidegger (GA 22) Grundbegriffe der antiken Philosophie

GA 22