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Einleitung

Wissenschaft, Entdecken, Erschließen. Begriff der Wahrheit, Veritas — Veritas transcendentalis.

Wissenschaft von den Ideen (Plato), von den ersten Gründen (Aristoteles), von den Möglichkeiten, possibilia (Leibniz), von der omnitudo realitatis, Allheit der Möglichkeiten (Kant), Wissenschaft vom absoluten Geist, Logik (Hegel).

Ein und dieselbe Idee von wissenschaftlicher Philosophie. Einheitliche und einfache Linie der Entwicklung. Das aber nur zu sehen, wenn man nicht oberflächlich alles als dasselbe ausgibt, sondern jeden der wesentlichen Unterschiede sieht und versteht, daß, weil Philosophie kritische Wissenschaft ist, sie nur in der Kritik die Problematik gewinnt, sie immer wieder neu die Schritte von Anfang an und von Grund aus vollziehen muß. Weil das Dasein zunächst und zumeist positiv ist in wesentlichem Sinn, d. h. sich an das Seiende halt, wird in derselben Geschichte, in der [es] erst philosophisch das Sein gewinnt, dieses zugleich wieder verdeckt und positiv mißdeutet.

Es liegt im Wesen der Existenz des Menschen, daß die Philosophie immer wieder auf den Anfang zurückgeworfen wird. Und je radikaler das verstanden ist, d. h. je ursprunglicher [sich] die Forschung zuruckrufen läßt, umso sicherer bewegt sie sich vorwärts. Der Fortschritt der positiven Wissenschaften besteht sicher nicht darin, daß Ergebnisse aufgesammelt und aufeinandergestapelt werden wie Sacke in einem Warenlager, sondern der Fortschritt ist je eine philosophische Reform der Grundbegriffe, radikalisiertes Verstehen des Seienden selbst.

Noch weniger sind die Schrittgesetze der Entwicklung der philosophischen Forschung mit einem standigen und immer mehr Sehen und Kennenlernen zusammenzubringen. Es zeugt von gleichwenig Verständnis der Philosophie, ob man sagt: Plato ist heute langst uberholt, oder umgekehrt: Plato hat schon alles gesagt. Beides ebenso wahr, wie es unwahr ist, d. h. es trifft nicht die Sache. Man kann Plato nur uberholen, wenn man ihn radikal wiederholt hat — und das ist nichts Geringeres, als die Probleme selbst erst sachlich verstehen. Dann ist es leicht, zu jedem


Martin Heidegger (GA 23) Geschichte der Philosophie von Thomas von Aquin bis Kant