152
Dritter Abschnitt: Baruch de Spinoza

Grunduberzeugungen, die der Metaphysik Spinozas zugrundeliegen. Die Methode der Erkenntnis ist bestimmt durch intuitus und deductio, denn Spinoza sagt scientia intuitiva et ratio. Zugleich liegen der Metaphysik Spinozas zwei Grundüberzeugungen zugrunde.

Primum conceptum est ens, nicht irgendeine besondere Gegebenheit, etwa das cogito, sondern was das Erste und Eigentliche ist in der Ordnung des Seins, das ist auch das zuerst Erkannte: Natura divina ... tam cognitione quam natura prior est.3

Was im reinen Denken gedacht ist, das ist; bzw. umgekehrt, was ist und in seinem Sein aus der Substanz entspringt, das wird auch notwendig in der idea gedacht bzw. folgt aus ihr. Diese Uberzeugung ist nichts anderes als die Identifizierung der realitas formalis rei mit der realitas objectiva ideae. Das bekundet sich deutlich in Sätzen wie: Quod in intellectu objective continetur, debet necessario in natura dari.4 Quicquid ex infinita Dei natura sequitur formaliter, id omne ex Dei idea eodem ordine, eademque connexione sequitur ... objective.5 Idea eodem modo se habet objective ac ipsius ideatum se habet realiter.6 Dieser Satz erhalt bezuglich der Lehre von den Attributen und modi eine weitere Ausbildung.


b) Die 8 Definitionen im einzelnen7


1. Causa sui, rein ontologisch interpretiert, deren Wesen existentia einschließt. Es ist Ursache, Ur-wesen, das kein esse von sich ausschließt — die ursprungliche res, vor der es keine gibt und die keiner solchen bedarf; »Ursache« hier nicht mit Rucksicht auf Wirkung, causa nicht im Sinne einer Kausalitat, ein Seiendes, das tatig gleichsam vor ihm selbst ist, um sich in der Selbstheit zu erzeugen, sondern eine Weise des Seins überhaupt, genauer: die ursprüngliche


3 Eth. II propos. 10, schol. 2.

4 Eth. I propos. 30, demonstratio.

55 Eth. II propos. 7, corr.

6 Tractatus de emendatione II.

7 Vgl. Text. [Überschrift von Heidegger.]


Martin Heidegger (GA 23) Geschichte der Philosophie von Thomas von Aquin bis Kant page 162