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Vierter Abschnitt: Gottfried. PVilhelm Leibniz

Ausdehnung bestehe, Journal de Savants 1691 und 934. Die Große der Kraft, nicht die Quantität der Bewegung bleibt in der Natur unverändert erhalten. Die Größe der Kraft aber wird nicht bestimmt durch das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (m.v), sondern aus Masse und Quadrat der Geschwindigkeit m.v2. Hieraus folgert Leibniz: Also mul3 der Korper außer der Ausdehnung eine Kraft besitzen, deren Effekt durch die Konstante m.v2 gemessen werden kann. Damit ist die Descartsche Identifikation der mathematischen Korper mit den physischen erschüttert.

Demnach ist auch das physisch Seiende kraftbegabt. Leibniz geht aber noch weiter; denn zunächst konnte es scheinen, er müßte beim Spinozismus wieder ankommen: Jedes Seiende corpus und mens. Leibniz leugnet aber, daß Ausdehnung überhaupt zum Wesen der Substanz gehört. Die Teilbarkeit der Korper beweise, daß es keine kleinsten, unteilbaren Atome gebe, da dieselben immer noch ausgedehnt, also Aggregate von Substanzen seien. Die wirklichen Substanzen, aus denen die Korper bestehen, sind unteilbar, unerzeugbar und unzerstörbar, und in gewisser Weise den Seelen ahnlich. Die unraumlichen und einzigen eigentlichen Substanzen nennt Leibniz forma substantialis, force primitive, Entelechie, am häufigsten einfach substantia, seit 1696 Monaden.

Ausdruck monas — formale Einheit, zunächst in ontologisch unbestimmter Bedeutung; omne ens est unum — auch das meint ontologisch Anderes. »Metaphysische Punktecc. Das Physische ist nur scheinbar unteilbar, das Mathematische ist es zwar in der formalen Idee, aber ist deshalb auch nur5 als Modalitat der reinen Raumbestimmtheit. Die Monaden sind die »wahren Atome« der Natur. Ob Leibniz den Ausdruck von G. Bruno oder sonstwoher übernommen hat, ist unsicher.

Außer der Kraftbestimmtheit der Natur zeigt Leibniz ferner,


4 Erdmann 112 ff. [Gottfried Wilhelm Leibniz: Opera omnia quae exstant latina gallica germanica omnia. Instruxit J. E. Erdmann. Berlin 1840 (Faksimiledruck Aalen 1959).]

5 Erdmann 126.


Martin Heidegger (GA 23) Geschichte der Philosophie von Thomas von Aquin bis Kant