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§ 3. Wissenschaft vom Sein

§ 3. Philosophie als Wissenschaft vom Sein


Wir behaupten nun: Das Sein ist das echte und einzige Thema der Philosophie. Das ist keine Erfindung von uns, sondern diese Themenstellung wird mit dem Anfang der Philosophie in der Antike lebendig und wirkt sich in der grandiosesten Form in der Hegelschen Logik aus. Jetzt behaupten wir lediglich, das Sein sei das echte und einzige Thema der Philosophie. Das besagt negativ: Philosophie ist nicht Wissenschaft vom Seienden, sondern vom Sein oder, wie der griechische Ausdruck lautet, Ontologie. Wir fassen diesen Ausdruck in der größtmöglichen Weite und nicht in der Bedeutung, die er im engeren Sinne, etwa in der Scholastik oder auch in der neuzeitlichen Philosophie bei Descartes und Leibniz hat.

Die Grundprobleme der Phänomenologie erörtern besagt dann nichts anderes, als diese Behauptung von Grund aus begründen: daß Philosophie Wissenschaft vom Sein sei und wie sie es sei, — besagt, die Möglichkeit und Notwendigkeit der absoluten Wissenschaft vom Sein erweisen und ihren Charakter auf dem Wege des Untersuchens selbst zu demonstrieren. Philosophie ist die theoretisch-begriffliche Interpretation des Seins, seiner Struktur und seiner Möglichkeiten. Sie ist ontologisch. Weltanschauung dagegen ist setzendes Erkennen von Seiendem und setzende Stellungnahme zu Seiendem, nicht ontologisch, sondern ontisch. Die Weltanschauungsbildung fällt außerhalb des Aufgabenkreises der Philosophie, nicht weil die Philosophie in einem unvollkommenen Zustand ist und noch nicht zureicht, um auf die Weltanschauungsfragen eine einstimmige und universal überzeugende Antwort zu geben, sondern Weltanschauungsbildung fällt außerhalb des Aufgabenkreises der Philosophie, weil diese grundsätzlich nicht auf Seiendes bezogen ist. Nicht aus einem Mangel begibt sich die Philosophie der Weltanschauungsbildung als Aufgabe, sondern aufgrund eines Vorzugs, daß sie von dem handelt, was jede Setzung von Seiendem, auch die weltanschauliche,

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