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§ 4. Vier Thesen über das Sein

eigentliche Begriff der Wahrheit, wie er schon in der Antike aufdämmert. Sein gibt es nur, wenn Erschlossenheit ist, d. h. wenn Wahrheit ist. Wahrheit aber ist nur, wenn ein Seiendes existiert, das aufschließt, das erschließt, so zwar, daß zur Seinsart dieses Seienden das Erschließen selbst gehört. Ein solches Seiendes sind wir selbst. Das Dasein existiert selbst in der Wahrheit. Zum Dasein gehört wesenhaft eine aufgeschlossene Welt und in eins damit die Aufgeschlossenheit seiner selbst. Das Dasein ist dem Wesen seiner Existenz nach >in< der Wahrheit, und nur weil es das ist, hat es die Möglichkeit, >in< der Unwahrheit zu sein. Sein gibt es nur, wenn Wahrheit, d. h. wenn Dasein existiert. Und nur deshalb ist die Ansprechbarkeit des Seienden nicht nur möglich, sondern in gewissen Grenzen jeweils - vorausgesetzt, daß Dasein existiert notwendig. Diese Probleme des Zusammenhangs von Sein und Wahrheit fassen wir zusammen in das Problem des Wahrheitscharakters des Seins (veritas transcendentalis).

Damit haben wir vier Gruppen von Problemen gekennzeichnet, die den Gehalt des zweiten Teiles der Vorlesung ausmachen: das Problem der ontologischen Differenz, das Problem der Grundartikulation des Seins, das Problem der möglichen Modifikationen des Seins in seine Seinsweisen, das Problem des Wahrheitscharakters des Seins. Diesen vier Grundproblemen entsprechen die im ersten Teil vorbereitend behandelten vier Thesen, genauer, es zeigt sich aus der Erörterung der Grundprobleme im zweiten Teil rückläufig, daß die Probleme, mit denen wir uns vorläufig im ersten Teil am Leitfaden der genannten Thesen beschäftigen, nicht zufällig sind, sondern der inneren Systematik des Seinsproblems überhaupt entwachsen.

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