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Einleitung

von vornherein ausgeschlossen, daß sie irgendwelche bestimmten inhaltlichen Thesen über Seiendes ausspricht und einen sogenannten Standpunkt vertritt.

Welche Vorstellungen über Phänomenologie heute umlaufen, zum Teil durch Veranlassung der Phänomenologie selbst, darauf wollen wir hier nicht eingehen. Wir berühren nur ein Beispiel. Man hat gesagt, meine philosophische Arbeit sei katholische Phänomenologie. Vermutlich deshalb, weil ich der Überzeugung bin, daß auch Denker wie Thomas von Aquino oder Duns Scotus etwas von der Philosophie verstanden haben, vielleicht mehr als die Modernen. Der Begriff einer katholischen Phänomenologie ist jedoch noch widersinniger als der Begriff einer protestantischen Mathematik. Die Philosophie als Wissenschaft vom Sein unterscheidet sich in ihrer Methodik grundsätzlich von jeder anderen Wissenschaft. Der methodische Unterschied etwa zwischen Mathematik und klassischer Philologie ist nicht so groß wie der Unterschied zwischen Mathematik und Philosophie bzw. Philologie und Philosophie. Die Unterschiedsgröße zwischen positiven Wissenschaften, zu denen Mathematik und Philologie gehören, und Philosophie läßt sich überhaupt nicht quantitativ abschätzen. In der Ontologie soll auf dem Wege der phänomenologischen Methode das Sein erfaßt und begriffen werden, wobei wir bemerken, daß Phänomenologie zwar heute lebendig geworden ist, aber daß das, was sie sucht und will, schon von Anfang an in der abendländischen Philosophie lebendig war.

Das Sein soll erfaßt und zum Thema gemacht werden. Sein ist jeweils Sein von Seiendem und wird demnach zunächst nur im Ausgang von einem Seienden zugänglich. Dabei muß sich der erfassende phänomenologische Blick zwar auf Seiendes mit richten, aber so, daß dabei das Sein dieses Seienden zur Abhebung und zur möglichen Thematisierung kommt. Das Erfassen des Seins, d. h. die ontologische Untersuchung geht zwar zunächst und notwendig je auf Seiendes zu, wird aber dann von dem Seienden in bestimmter Weise weg- und

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