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Die These Kants

An beiden Stellen, im »Beweisgrund« und in der »Kritik«, wird die These in demselben Sinne abgehandelt. Zum Zwecke der Darstellung, die wir absichtlich ausführlich halten, nehmen wir auf beide Schriften Bezug. Dabei zitieren wir verkürzt »Beweisgrund« und »Kritik«, ersteren nach der Ausgabe von Ernst Cassirer. Bevor wir den Gehalt der Kantischen These auseinanderlegen, kennzeichnen wir kurz den sachlichen Zusammenhang, innerhalb dessen sie an beiden Stellen erörtert wird.

Zuvor aber ist eine allgemeine terminologische Bemerkung erforderlich. Kant spricht, wie der Titel des »Beweisgrundes« zeigt, vom Beweis des Daseins Gottes. Ebenso spricht er vom Dasein der Dinge außer uns, vom Dasein der Natur. Dieser Begriff des Daseins bei Kant entspricht dem scholastischen Terminus existentia. Kant gebraucht daher auch oft statt ›Dasein‹ den Ausdruck ›Existenz‹, ›Wirklichkeit‹. Unser terminologischer Gebrauch ist dagegen ein anderer, der, wie sich zeigen wird, sachlich begründet ist. Was Kant Dasein bzw. Existenz und was die Scholastik existentia nennt, bezeichnen wir terminologisch mit dem Ausdruck ›Vorhandensein‹ oder ›Vorhandenheit‹. Es ist der Titel für die Seinsweise der Naturdinge im weitesten Sinne. Die Wahl dieses Ausdrucks selbst muß sich im Verlauf der Vorlesung aus dem spezifischen Sinn dieser Seinsweise rechtfertigen, die diesen Ausdruck Vorhandenes, Vorhandenheit fordert. Husserl schließt sich in seiner Terminologie Kant an, verwendet also den Begriff des Daseins im Sinne des Vorhandenseins. Das Wort ›Dasein‹ dagegen bezeichnet für uns nicht wie für Kant die Seinsweise der Naturdinge, es bezeichnet überhaupt keine Seinsweise, sondern ein bestimmtes Seiendes, das wir selbst sind, das menschliche Dasein. Wir sind jeweils ein Dasein. Dieses Seiende, das Dasein, hat wie jedes eine spezifische Seinsweise. Die Seinsweise des Daseins bestimmen wir terminologisch als Existenz, wobei zu bemerken ist, daß Existenz oder die Rede: das Dasein existiert, nicht die einzige Bestimmung der Seinsart

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