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§ 7. Gehalt der Kantischen These

wirkliche Taler unterscheiden sich nicht in ihrer Realität. Es kommt alles in Verwirrung, wenn man hier den Kantischen Begriff >Realität< nicht festhält und umdeutet in den modernen im Sinne von Wirklichkeit. Dann möchte man sagen, hundert mögliche Taler und hundert wirkliche Taler sind doch unbezweifelbar verschieden hinsichtlich ihrer Realität; denn die wirklichen sind eben wirklich und die möglichen haben keine Realität in der nichtkantischen Bedeutung. Kant sagt dagegen in seinem Sprachgebrauch: Hundert mögliche Taler und hundert wirkliche Taler unterscheiden sich nicht in ihrer Realität. Der Wasgehalt des Begriffs >hundert mögliche Taler< deckt sich mit dem des Begriffs >hundert wirkliche Taler<. Im Begriff>hundert wirkliche Taler< sind nicht mehr Taler gedacht, keine höhere Realität, sondern ebensoviel. Was möglich ist, das ist seinem Wasgehalt nach auch dasselbe wirklich, der Wasgehalt, die Realität beider, muß sogar dieselbe sein. »Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viele Prädikate ich will, (selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, daß ich noch hinzusetze, dieses Ding ist [existiert], nicht das mindeste zu dem Dinge [d. h. zur res] hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren, als ich im Begriffe gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der Gegenstand meines Begriffes existiere.«14

Andererseits besteht doch die Tatsache, daß dies >existiert< - ein Ding existiert — im gemeinen Redegebraudi als Prädikat vorkommt.15 Der Ausdruck ›ist‹ im weitesten Sinne liegt sogar in jeder Prädikation, auch dann, wenn ich das, worüber ich urteile und prädiziere, nicht als existierend setze, wenn ich nur sage: Der Körper ist seinem Wesen nach ausgedehnt, - mag ein Körper existieren oder nicht. Hier gebrauche ich auch ein ›ist‹, das ›ist‹ im Sinne der Kopula, das von dem ›ist‹ unterschieden ist, wenn ich sage: Gott ist, d. h. Gott


14 a.a.O. B 628.

15 Beweisgrund, p. 76.

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