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Die These Kants

ist Gott«28, mit welcher Umformung des Satzes er andeuten will, daß Existenz nicht im Prädikat, sondern im Subjekt des Satzes gedacht ist.

Die Anwendung dieser Erläuterung seiner These auf die Möglichkeit des ontologischen Gottesbeweises ergibt sich von selbst. Weil Dasein überhaupt nicht ein reales Prädikat ist, also wesensmäßig nicht zum Begriff eines Dinges gehören kann, kann ich aufgrund des Denkens des puren Begriffsgehaltes nie des Daseins des im Begriff Gedachten versichert sein, es sei denn, daß ich schon im Begriff des Dinges seine Wirklichkeit mit- und voraussetze; dann aber, sagt Kant, ist dieser angebliche Beweis nichts als eine elende Tautologie.29

Kant greift im ontologischen Gottesbeweis den Untersatz an: Zum Begriff Gottes gehört die Existenz. Er greift diesen Satz grundsätzlich an, indem er sagt, Existenz, Dasein, gehört überhaupt nicht zum Begriff eines Dinges. Was Kant gerade anzweifelt, daß die Existenz reales Prädikat sei, ist nach Thomas selbstverständlich gewiß. Nur findet Thomas eine andere Schwierigkeit: Wir sind nicht imstande, diese Zugehörigkeit des Prädikats der Existenz zum Wesen Gottes neben anderen Bestimmungen so durchsichtig zu erkennen, daß wir daraus einen Beweis entnehmen könnten für das wirkliche Dasein des Gedachten. Die Thomistische Widerlegung ist eine Widerlegung mit Rücksicht auf die Unfähigkeit und Endlichkeit unseres Verstandes, die Kantische Widerlegung ist eine grundsätzliche mit Bezug auf das, was der Beweis in seinem Untersatz (und das ist die Angel jedes Syllogismus) beansprucht.

Das Problem des Gottesbeweises interessiert uns hier nicht, sondern die Kantische Erläuterung des Seins- bzw. Daseinsbegriffes: Sein gleich Position, Dasein gleich absolute Position. Wir fragen noch gar nicht, ob diese Interpretation des Sinnes von Sein und Dasein haltbar sei, sondern lediglich: Befriedigt


28 a.a.O., p. 79.

29 Kr. d. r. V. B 625.


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24