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Die These Kants

unter dem Zwange der Sachen, sofern er überhaupt von Wahrnehmung handelt, von der intentionalen Struktur derselben Gebrauch machen, ohne daß er sie eigens als solche erkennt. Er spricht einmal davon, daß die Wahrnehmung irgendwo hinreicht und daß da, wo sie hinreicht, Wirkliches, Vorhandenes antreffbar sei.2 Wahrnehmung kann aber nur irgendwelche Reichweite haben, wenn sie ihrem eigenen Wesen entsprechend überhaupt reicht, ausgreift nach, d. h. sich richtet auf. Vorstellungen beziehen sich wesensmäßig auf ein Vorgestelltes, weisen auf ein solches hin, aber nicht so, daß ihnen diese Verweisungsstruktur erst verschafft werden müßte, sondern sie haben sie von Hause aus als Vor-stellungen. Ob sie je mit Recht das geben, was zu geben sie beanspruchen, ist eine zweite Frage, die zu erörtern aber sinnlos ist, wenn das Wesen des Anspruchs im Dunkeln bleibt.


c) Intentionalität und Semsverständnis Entdecktheit (Wahrgenommenheit) des Seienden und Erschlossenheit des Seins


Wir wollen die Richtung der Kantischen Interpretation von Wirklichkeit, Vorhandenheit festhalten und nur den Horizont, aus dem und in dem er die Aufklärung vollzieht, deutlicher und angemessener charakterisieren. Was haben wir bisher mit der vorläufigen Aufklärung der intentionalen Struktur der Wahrnehmung gewonnen? Auf die Struktur der Position überhaupt kommen wir bei der Erörterung der vierten These zurück. Wir geben Kant zu, daß er Vorhandenheit weder dem Wahrnehmen, der intentio, noch gar dem Wahrgenommenen, dem intentum, gleichsetzen will, wenn er auch diesen Unterschied nicht anführt. Es bleibt sonach nur die Möglichkeit, die Kantische Gleichsetzung von Wirklichkeit und Wahrnehmung in dem Sinne zu interpretieren, daß die Wahrnehmung hier Wahrgenommenheit besage. Zwar erwies sich als fraglich, ob


2 Kant, Kr. d. r. V. B 273.

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