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§ 15. Das grundsätzliche Problem

eine Grundbestimmung der Existenz des Daseins überhaupt in den Blick zu bringen, stoßen wir zugleich auf ein zentrales Problem, das der ganzen bisherigen Philosophie unbekannt blieb und sie in merkwürdige unlösliche Aporien verstrickte. Wir dürfen nicht hoffen, das zentrale Problem in einem Anlauf zu lösen, ja auch nur hinreichend als Problem durchsichtig zu machen.


a) Zeug, Zeugzusammenhang und Welt
In-der-Welt-sein und Innerweltlichkeit

Vorläufig müssen wir uns nur darüber klar werden, daß der ontologische Unterschied zwischen res cogitans und res extensa, zwischen Ich und Nicht-Ich, formal gesprochen, keineswegs direkt und einfach zu fassen ist, etwa in der Form, wie Fichte das Problem ansetzt, wenn er sagt: »Meine Herren, denken Sie die Wand, und dann denken Sie den, der die Wand denkt. « Schon in der Aufforderung »denken Sie die Wand« liegt eine konstruktive Vergewaltigung des Tatbestandes, ein unphänomenologischer Ansatz. Denn wir denken nie im natürlichen Verhalten zu den Dingen ein Ding, und wann immer wir es für sich eigens fassen, fassen wir es aus einem Zusammenhang heraus, dem es seinem Sachgehalt nach zugehört: Wand, Zimmer, Umgebung. Die Aufforderung »denken Sie die Wand« als Ansatz für den Rückgang zu dem, der die Wand denkt, als Ansatz der philosophischen Interpretation des Subjekts verstanden, sagt: Machen Sie sich blind gegenüber dem, was vor allem und für alles ausdrücklich denkende Erfassen schon vorgegeben ist. Was aber ist vorgegeben? Wie zeigt sich das Seiende, wobei wir uns zunächst und zumeist aufhalten? Hier im Hörsaal sitzend, erfassen wir zwar nicht Wände - es sei denn, daß wir uns langweilen. Gleichwohl sind die Wände schon zugegen, vordem wir sie als Objekte denken. Noch vieles andere gibt sich uns vor allem denkenden Bestimmen. Vieles andere, aber wie? Nicht als eine wirre Anhäufung von Dingen, sondern als eine Umgebung, die in sich einen geschlossenen


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie