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§ 16. Erörterungen in der Geschichte der Logik

ausgedrückt ist - als διαίρεσις fassen. S = P ist nicht nur eine Verbindung, sondern zugleich auch ein Auseinandernehmen. Diese Bemerkung des Aristoteles ist wesentlich für das Verständnis der Struktur des Satzes, der wir noch nachgehen werden. An einer entsprechenden Stelle sagt Aristoteles: Dieses ›ist‹ besagt eine Synthesis und ist demnach ἐν συμπλοκῇ διανοίας καὶ πάθος ἐν ταύτῃ8, sie ist in der Verkoppelung, die der Verstand als verbindender vollzieht, und dieses ›ist‹ meint etwas, was nicht unter den Dingen vorkommt, ein Seiendes, sondern ein Seiendes, das gleichsam ein Zustand des Denkens ist. Es ist kein ἕξω ὄν, kein außerhalb des Denkens Seiendes, und kein χωριστόν, kein eigenständiges Für-sich-Stehendes. Aber was für ein Seiendes dieses ›ist‹ meint, ist dunkel. Dieses ›ist‹ soll das Sein eines Seienden meinen, das nicht unter dem Vorhandenen vorkommt, wohl aber etwas ist, was im Verstände ist, roh gesprochen, im Subjekt, subjektiv. Man wird zwischen diesen Bestimmungen, daß das mit ›ist‹ und ›sein‹ bezeichnete Seiende nicht unter den Dingen ist, wohl aber im Verstände, nur dann in der rechten Weise entscheiden können, wenn man sich klar darüber ist, was hier Verstand, Subjekt besagt und wie die Grundbeziehung des Subjekts zum Vorhandenen bestimmt werden muß, d. h. wenn aufgeklärt ist, was das Wahrsein bedeutet und wie es zum Dasein steht. Wie immer diese zentralen, aber schwierigen Probleme anzufassen sind, wir sehen zunächst die innere Verwandtschaft der Auffassungen bei Aristoteles und bei Kant. Das Sein im Sinne der Kopula ist respectus logicus nach Kant, Synthesis im Logos nach Aristoteles. Weil dieses Seiende, dieses ens, nach Aristoteles nicht ἐν πράγμασιν ist, nicht unter den Dingen vorkommt, sondern ἐν διανοίᾳ, bedeutet es kein ens reale, sondern ein ens rationis, wie die Scholastik sagt. Das aber ist nur die Übersetzung von ὄν ἐν διανοίᾳ.


8Arist., Met. K 8, 1065 a 22-23.


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24