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§ 18. Idee der Wahrheit und Begriff des Seins

entschieden, ob sie nicht doch eine Bestimmung des Seins des Vorhandenen, der Vorhandenheit, ausmachen kann. Solange diese Frage nicht geklärt ist, bleibt der Satz des Aristoteles ›die Wahrheit ist nicht ›unter‹ den Dingen‹ zweideutig. Aber ebenso zweideutig bleibt der positive Teil seiner These, wonach die Wahrheit im Verstände sein soll. Auch hier ist zu fragen: Was besagt das ›die Wahrheit ist im Verstande‹? Soll das heißen, sie ist etwas, was wie ein psychischer Vorgang vorkommt? In welchem Sinne soll Wahrheit im Verstande sein? Wie ist der Verstand selbst? Wir sehen, wir kommen hier wiederum zurück auf die Frage nach der Seinsart des Verstandes, des Verstehens als Verhaltung des Daseins, d. h. auf die Frage nach der Existenzbestimmung des Daseins selbst. Ohne diese werden wir auch nicht auf die Frage antworten können: In welchem Sinne ist die Wahrheit, wenn sie im Verstande ist, der zum Sein des Daseins gehört?

Beide Seiten der Aristotelischen These sind doppeldeutig, so daß die Frage entsteht, in welchem Sinne diese haltbar ist. Wir werden sehen, daß sich weder der negative Teil der These noch der positive in der Form der naiven und der üblichen Interpretation halten läßt. Damit ist aber gesagt, daß die Wahrheit in gewisser Weise zu den Dingen gehört, wenngleich sie nicht etwas unter den Dingen selbst, wie sie Vorhandenes, ist. Und umgekehrt, die Wahrheit ist nicht im Verstande, sofern unter Verstand ein Vorgang eines vorhandenen psychischen Subjekts gedacht wird. Daraus ergibt sich: Die Wahrheit ist weder unter den Dingen vorhanden, noch kommt sie in einem Subjekt vor, sondern sie liegt — fast wörtlich genommen — in der Mitte ›zwischen‹ den Dingen und dem Dasein.

Nimmt man die Aristotelische These rein äußerlich, so wie sie gewöhnlich genommen zu werden pflegt, dann führt sie zu unmöglichen Fragestellungen. Denn man sagt: Die Wahrheit ist nicht in den Dingen, also ist sie nicht in den Objekten, sondern im Subjekt. So kommt man dazu zu sagen: Die Wahrheit ist in irgendeinem Sinne eine Bestimmung der Seele, etwas


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24