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§ 18. Idee der Wahrheit und Begriff des Seins

Wahrheit gehört als Enthüllen und in eins mit der zum Enthüllten gehörigen Enthülltheit zum Dasein; sie existiert. Weil ihr die Seinsart des Daseins, d. h. des seinem Wesen nach Transzendenten eignet, ist sie auch eine mögliche Bestimmung des Seienden, das innerhalb der Welt begegnet. Dieses Seiende, z. B. die Natur, hängt in seinem Sein, daß und ob es Seiendes ist oder nicht, keineswegs davon ab, ob es wahr, d. h. enthüllt ist und als enthülltes für einDasein begegnet oder nicht. Wahrheit, Enthüllen und Enthülltheit, gibt es nur, wenn und solange Dasein existiert. Wenn keine >Subjekte< sind, und zwar im wohlverstandenen Sinne des existierenden Daseins, gibt es weder Wahrheit noch Falschheit. Wird aber so nicht die Wahrheit vom >Subjekt< abhängig? Wird sie so nicht subjektiviert, wo wir doch wissen, daß sie etwas »Objektives«, dem Belieben der Subjekte Entzogenes ist? Ist mit dem >die Wahrheit existiert und sie ist nur, sofern Dasein existiert< alle objektive Wahrheit geleugnet? Wenn Wahrheit nur ist, sofern Dasein existiert, verfällt dann nicht alle Wahrheit dem Belieben und der Willkür des Ich? Muß diese Interpretation der Wahrheit als des zur Existenz des Daseins gehörenden Enthüllens, als etwas, was mit der Existenz bzw. Nichtexistenz des Daseins steht und fällt, nicht von vornherein als unhaltbar gekennzeichnet werden, wenn sie in ihren Konsequenzen alle bindende und verpflichtende objektive Entscheidung unmöglich macht und alle objektive Erkenntnis als von Gnaden des Subjekts erklärt? Müssen wir nicht, um diesen verhängnisvollen Konsequenzen zu entgehen, von vornherein für alle Wissenschaft und alle philosophische Erkenntnis voraussetzen, daß es eine an sich bestehende, wie man sagt, zeitlose Wahrheit gibt?

So wird in der Tat meist oder überall argumentiert. Man ruft versteckterweise den gesunden Menschenverstand zu Hilfe, man arbeitet mit Argumenten, die keine sachlichen Gründe sind, man appelliert versteckterweise an die Stimmung des vulgären Verstandes, für den es eine Ungeheuerlichkeit


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24