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Ontologische Differenz

Problematik. Wir bezeichnen sie als die der Temporalität. Der Terminus ›Temporalität‹ deckt sich nicht mit dem von Zeitlichkeit, obwohl er nur dessen Übersetzung ist. Er meint die Zeitlichkeit, sofern sie selbst zum Thema gemacht ist als Bedingung der Möglichkeit des Seinsverständnisses und der Ontologie als solcher. Der Terminus ›Temporalität‹ soll anzeigen, daß die Zeitlichkeit in der existenzialen Analytik den Horizont darstellt, von woher wir Sein verstehen. Was wir in der existenzialen Analytik erfragen, die Existenz, ergibt sich als Zeitlichkeit, die ihrerseits den Horizont für das Seinsverständnis ausmacht, das wesenhaft zum Dasein gehört.

Es gilt, das Sein in seiner temporalen Bestimmtheit zu sehen und ihre Problematik zu enthüllen. Wenn aber das Sein in seiner temporalen Bestimmtheit phänomenologisch sichtbar wird, setzen wir uns dadurch in den Stand, auch schon den Unterschied zwischen Sein und Seiendem deutlicher zu fassen und den Grund der ontologischen Differenz zu fixieren. Damit ist der Aufriß des ersten Kapitels des zweiten Teiles, das vom Problem der ontologischen Differenz handeln soll, gegeben: Zeit und Zeitlichkeit (§ 19); Zeitlichkeit und Temporalität (§ 20); Temporalität und Sein (§ 21); Sein und Seiendes (§ 22).

§ 19. Zeit und Zeitlichkeit

Es gilt, durch das vulgäre Zeitverständnis hindurch zur Zeitlichkeit vorzudringen, in der die Seinsverfassung des Daseins wurzelt und zu der die vulgär verstandene Zeit gehört. Das Nächste ist, daß wir uns des vulgären Zeitverständnisses versichern. Was meinen wir mit Zeit im natürlichen Erfahren und Verstehen? Wenngleich wir ständig mit der Zeit rechnen bzw. ihr, ohne sie ausdrücklich mit der Uhr zu messen, Rechnung tragen und ihr als dem Alltäglichsten überlassen sind, sei es, daß wir in sie verloren sind oder von ihr bedrängt, — wenngleich uns die Zeit so vertraut ist, wie nur etwas in unserem


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24