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was Aristoteles so zum Ausdruck bringt: καί συνεχής τε δή ό χρόνος τφ νΰν, καί διήρηται κατά τό νΰν28. Die Zeit wird sowohl durch die Jetzt in sich zusammengehalten, d. h. im Jetzt gründet ihre spezifische Stetigkeit, die Zeit wird aber zugleich im Hinblick auf das Jetzt auseinandergenommen, artikuliert in das Nicht-mehr-Jetzt, das Früher, und in das Noch-nicht-Jetzt, das Später. Nur im Hinblick auf das Jetzt fassen wir das Dann und Damals, Früher und Später. Das Jetzt, das wir im Verfolgen einer Bewegung zählen, ist jeweils ein anderes, τό δέ νϋν διά τό κινεΐσθαι τό φερόμενον αΐεΐ ετερον29, das Jetzt ist aufgrund des Übergehens des Bewegten immer ein anderes, d. h. ein Fortgang von einem Ort zum anderen. In jedem Jetzt ist das Jetzt ein anderes, aber jedes andere Jetzt ist als Jetzt doch immer Jetzt. Die je verschiedenen Jetzt sind als verschiedene doch gerade immer dasselbe, nämlich Jetzt. Aristoteles faßt das eigentümliche Wesen des Jetzt und damit der Zeit - wenn er die Zeit rein aus dem Jetzt interpretiert so prägnant zusammen, wie es nur in der griechischen Sprache und im Deutschen kaum möglich ist: τό γάρ νϋν τό αυτό δ ποτ' ήν- τό δ' είναι αύτφ ετερον30, das Jetzt ist dasselbe hinsichtlich dessen, was es je schon war, — d. h. in jedem Jetzt ist es Jetzt; seine essentia, sein Was, ist immer dasselbe (ταύτό) —, und gleichwohl ist jedes Jetzt in jedem Jetzt seinem Wesen nach ein anderes, τό δ' εἶναι αύτφ ετερον, das Jetztsein ist je Anderssein (Wiesein - existentia - ετερον). τό δέ νϋν εστι μέν ώς τό αύτό, εστι δ' ώς ον τό αύτό31, das Jetzt ist in gewisser Weise immer dasselbe, in gewisser Weise nie dasselbe. Das Jetzt artikuliert und begrenzt die Zeit hinsichtlich ihres Früher und Später. Es ist einmal zwar je dasselbe, es ist aber sodann je nicht dasselbe. Sofern es je an einem anderen und anderes ist (denken wir an die Abfolge der Orte), ist es je ein anderes.


28 Phys. Δ 11,220 a 5.

29 a.a.O., 220 a 14.

30 a.a.O., 219 b 10 f.

31 a.a.O., 219 b 12 f.

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