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Ontologische Differenz

Gehalt selbst. Das Jetzt hat aufgrund dieses Dimensionsgehaltes in sich den Charakter eines Überganges. Das Jetzt als solches ist schon das Übergehende. Es ist nicht ein Punkt neben einem anderen Punkt, für welche zwei Punkte man erst eine Vermittlung fordern müßte, sondern es ist in sich selbst der Übergang. Weil es in sich die eigentümliche Erstreckung hat, können wir diese mehr oder minder weit fassen. Die Weite der Dimension eines Jetzt ist verschieden: jetzt in dieser Stunde, jetzt in dieser Sekunde. Diese Verschiedenheit der Weite der Dimension ist nur möglich, weil das Jetzt in sich selbst dimensional ist. Die Zeit wird nicht aus den Jetzt zusammengeschoben und summiert, sondern umgekehrt, mit Bezug auf das Jetzt können wir nur die Erstreckung der Zeit jeweils in bestimmten Weisen artikulieren. Die Zuordnung der Mannigfaltigkeit der Jetzt — Jetzt genommen als Übergang — zu einer Punktmannigfaltigkeit (Linie) hat nur ein gewisses Recht, wenn wir die Punkte der Linie selbst als Anfang und Ende bildend nehmen, d. h. den Übergang des Kontinuum ausmachend, und nicht als für sich nebeneinander vorhandene Stücke. Aus der Unmöglichkeit der Zuordnung der Jetzt zu isolierten Punktstücken ergibt sich, daß das Jetzt seinerseits ein Kontinuum des Zeitflusses — kein Stück — ist. Deshalb können die Jetzt im Verfolgen der Bewegung diese auch nie in ein Zusammen von Unbewegtem zerstückeln, sondern im Jetzt wird Übergehendes in seinem Übergang und Ruhendes in seiner Ruhe zugänglich und gedacht. Daraus folgt umgekehrt, daß es selbst weder bewegt ist noch ruht, d. h. nicht ›in der Zeit ist‹.

Das Jetzt — und das heißt die Zeit - ist, sagt Aristoteles, seinem Wesen nach nie Grenze, weil es als Übergang und Dimension nach der Seite des Noch-nicht und des Nicht-mehr offen ist. Grenze im Sinne des Abschlusses, des Fertig, des Nicht-weiter, ist das Jetzt nur beiläufig mit Bezug auf etwas, das in einem Jetzt und zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhört. Nicht das Jetzt als Jetzt hört auf, sondern das Jetzt als


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24