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§ 19. Zeit und Zeitlichkeit

verhält, ist es sich selbst vorweg. Einer Möglichkeit gewärtig, komme ich aus dieser Möglichkeit auf das zu, was ich selbst bin. Das Dasein kommt, sein Seinkönnen gewärtigend, auf sich zu. In diesem eine Möglichkeit gewärtigenden Auf-sichzukommen ist das Dasein in einem ursprünglichen Sinne zukünftig. Dieses in der Existenz des Daseins liegende Auf-sichselbst-zukommen aus der eigensten Möglichkeit her, davon alles Gewärtigen ein bestimmter Modus ist, ist der primäre Begriff der Zukunft. Dieser existenziale Zukunftsbegriff ist die Voraussetzung für den vulgären Begriff der Zukunft im Sinne des Noch-nicht-jetzt.

Irgendetwas behaltend oder vergessend, verhält sich das Dasein immer irgendwie zu dem, was es selbst schon gewesen ist. Es ist nur, wie es je faktisch ist, in der Weise, daß es das Seiende, das es ist, je schon gewesen ist. Sofern wir uns zu einem Seienden als Vergangenem verhalten, behalten wir es in gewisser Weise oder vergessen es. Im Behalten und Vergessen ist das Dasein selbst mitbehalten. Es behält sich selbst mit in dem, was es schon gewesen ist. Dasjenige, was das Dasein je schon gewesen ist, seine Gewesenheit, gehört mit zu seiner Zukunft. Diese Gewesenheit besagt primär gerade nicht, daß das Dasein faktisch nicht mehr ist; umgekehrt, es ist gerade faktisch, was es war. Das, was wir gewesen sind, ist nicht vergangen in dem Sinne, daß wir unsere Vergangenheit, wie wir sonst zu sagen pflegen, wie ein Kleid ablegen könnten. Das Dasein kann sich seiner Vergangenheit sowenig entschlagen, wie es seinem Tode entgeht. In jedem Sinne und in jedem Falle ist alles das, was wir gewesen sind, eine wesentliche Bestimmung unserer Existenz. Mag ich auch meine Vergangenheit auf irgendeinem Wege mit irgendwelchen Manipulationen mir vom Leibe halten, so sind das Vergessen, Verdrängen, Zurückhalten Modi, in denen ich meine Gewesenheit selbst bin. Das Dasein ist, sofern es ist, notwendig immer gewesen. Es kann nur solange gewesen sein, als es existiert. Gerade dann, wenn das Dasein nicht mehr ist, ist es auch nicht mehr gewesen.


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

GA 24