376
Ontologische Differenz

Es ist nur gewesen, solange es ist. Darin liegt: Gewesenheit gehört zur Existenz des Daseins. Von dem früher charakterisierten Moment der Zukunft her gesprochen: Sofern das Dasein je sich zu einem bestimmten Seinkönnen seiner selbst mehr oder minder ausdrücklich verhält, d. h. aus einer Möglichkeit seiner selbst auf sich zukommt, kommt es damit auch immer auf das zurück, was es gewesen ist. Zur Zukunft im ursprünglichen (existenzialen) Sinne gehört gleichursprünglich die Gewesenheit im existenzialen Sinne. Gewesenheit macht in eins mit der Zukunft und der Gegenwart Existenz erst möglich.

Gegenwart im existenzialen Sinne ist nicht gleich Anwesenheit bzw. Vorhandenheit. Sofern Dasein existiert, hält es sich je bei vorhandenem Seienden auf. Es hat dieses in seiner Gegenwart. Nur als Gegenwärtigendes ist es im besonderen Sinne zukünftig und gewesen. Das Dasein ist, gewärtigend eine Möglichkeit, immer so, daß es gegenwärtigend sich zu einem Vorhandenen verhält und dieses als Anwesendes in seiner Gegenwart hält. Dazu gehört, daß wir meist in diese Gegenwart verloren sind und es so aussieht, als wäre die Zukunft und die Vergangenheit, genauer gesprochen die Gewesenheit, abgeblendet, als spränge Dasein in jedem Moment jeweils in die Gegenwart. Das ist ein Schein, der wiederum seine Gründe hat und aufgeklärt werden muß, was wir aber in diesem Zusammenhang unterlassen. Es gilt hier nur, ungefähr zu sehen, daß wir von Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart in einem ursprünglicheren (existenzialen) Sinne sprechen und diese drei Bestimmungen in einer Bedeutung gebrauchen, die der vulgären Zeit vorausliegt. Die ursprüngliche Einheit der charakterisierten Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart ist das Phänomen der ursprünglichen Zeit, das wir die Zeitlichkeit nennen. Die Zeitlichkeit zeitigt sich in der jeweiligen Einheit von Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart. Was wir so benennen, ist vom Dann, Damals und Jetzt zu unterscheiden. Die letztgenannten Zeitbestimmungen sind nur, was sie sind, sofern sie der Zeitlichkeit entspringen, indem diese sich


Martin Heidegger (GA 24) Die Grundprobleme der Phänomenologie

Basic Problems of Phenomenology p. 266

GA 24