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Ontologische Differenz

men ist, als sie bei Plato schon war, und daß es am Ende nicht so sehr ihre innerste Sehnsucht ist, weiter zu kommen, d. h. von sich weg, als vielmehr zu sich selbst zu kommen. Mit Hegel ist die Philosophie, d. h. die antike, in gewissem Sinne zu Ende gedacht. Er hatte vollkommen Recht, wenn er dieses Bewußtsein selbst aussprach. Es besteht aber ebensosehr die rechtmäßige Forderung, wieder anzufangen, d. h. die Endlichkeit des Hegelschen Systems zu verstehen und zu sehen, daß Hegel selbst mit der Philosophie zu Ende gekommen ist, weil er sich im Kreise der philosophischen Probleme bewegt. Dieses Kreisen im Kreis verbietet ihm, in das Zentrum des Kreises sich zurückzubegeben und dieses von Grund aus zu revidieren. Es ist nicht notwendig, über den Kreis hinaus nach einem anderen zu suchen. Hegel hat alles gesehen, was möglich ist. Aber die Frage ist, ob er es aus dem radikalen Zentrum der Philosophie gesehen, ob er alle Möglichkeiten des Anfangs ausgeschöpft hat, um zu sagen, er sei am Ende. Es bedarf keines weitläufigen Beweises, um deutlich zu machen, wie immittelbar wir uns im Versuch, über das Sein hinauszugehen zu dem Licht, aus dem her und in das es selbst in die Helle eines Verstehens kommt, in einem Grundproblem Platos bewegen. Die Platonische Fragestellung eingehender zu kennzeichnen, ist hier keine Gelegenheit. Aber ein roher Hinweis darauf ist notwendig, damit sich fortschreitend die Meinung verliert, als sei unser fundamentalontologisches Problem, die Frage nach der Möglichkeit des Seinsverständnisses überhaupt, eine zufällige, eigenbrötlerische und belanglose Grübelei.

Zu Ende des VI. Buches des »Staates« gibt Plato in einem Zusammenhang, der uns jetzt nicht näher interessieren kann, eine Gliederung der verschiedenen Gebiete des Seienden, und zwar mit Rücksicht auf die möglichen Zugangsarten zu ihnen. Er unterscheidet die beiden Gebiete des όρατόν und des νοητόν, des mit den Augen Sichtbaren und des Denkbaren. Das Sichtbare ist dasjenige, das durch die Sinnlichkeit enthüllt ist, das Denkbare dasjenige, das der Verstand oder die Vernunft vernimmt.

GA 24