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§ 21. Temporalität und Sein

Praesenz als unbegrifflich verständliche schon enthüllt ist im Selbstentwurf der Zeitlichkeit, durch deren Zeitigung so etwas möglich wird wie der existierende Umgang mit Zuhandenem und Vorhandenem.

Zuhandenheit besagt formal Praesenz, Anwesenheit, aber eine Praesenz eigener Art. Das der Zuhandenheit als einem bestimmten Seinsmodus zugehörige primär praesentiale Schema bedarf hinsichtlich seines praesentialen Gehaltes einer näheren Bestimmung. Da ohne die volle Beherrschung der phänomenologischen Methode, vor allem ohne die Sicherheit des Gehens in dieser Problemdimension das Verständnis der temporalen Interpretation fortwährend auf Schwierigkeiten stößt, versuchen wir, auf einem Umweg zumindest eine Vorstellung davon zu verschaffen, wie im Gehalt der zur Zuhandenheit gehörigen Praesenz ein Reichtum verwickelter Strukturen liegt.

Alles Positive wird vom Privativen her besonders deutlich. Den Gründen, warum das so ist, können wir jetzt nicht nachgehen. Sie liegen - beiläufig gesagt - gleichfalls im Wesen der Zeitlichkeit und der in ihr verwurzelten Negation. Wenn sich das Positive vom Privativen her besonders verdeutlicht, dann heißt das für unser Problem: Die temporale Interpretation von Zuhandenheit muß sich in ihrem Seinssinn in der Orientierung an der Unzuhandenheit deutlicher vollziehen lassen. Um diese Charakteristik der Zuhandenheit von der Unzuhandenheit her zu verstehen, müssen wir beachten: Das Seiende, das im alltäglichen Umgang begegnet, hat in vorzüglicher Weise den Charakter der Unauffälligkeit. Wir nehmen die Dinge um uns innerhalb einer vertrauten Umwelt nicht jeweils und ständig ausdrücklich wahr, gar in der Weise, daß wir sie als zuhandene eigens konstatierten. Gerade dadurch, daß eine ausdrückliche Feststellung und Versicherung des Vorhandenseins unterbleibt, haben wir sie in einer eigentümlichen Weise um uns so, wie sie an sich sind. In der gleichgültigen Gleichmütigkeit des gewohnten Umgangs mit ihnen

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