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§ 22. Sein und Seiendes

über »Sein und Zeit«: ›Die Interpretation des Daseins auf die Zeitlichkeit und die Explikation der Zeit als des transzendentalen Horizontes der Frage nach dem Sein‹. Weil die Ontologie in ihrem Grunde temporale Wissenschaft ist, deshalb ist die Philosophie im rechtverstandenen, nicht ohne weiteres Kantischen Sinne, Transzendental-Philosophie, aber nicht umgekehrt.


c) Temporalität und Apriori des Seins
Die phänomenologische Methode der Ontologie


Alle ontologischen Sätze sind, weil Aussagen über das Sein im Lichte der rechtverstandenen Zeit, temporale Sätze. Nur weil die ontologischen Sätze temporale Sätze sind, können sie und müssen sie apriorische Sätze sein. Nur deshalb kommt in der Ontologie so etwas wie das Apriori vor, weil sie die temporale Wissenschaft ist. Apriori heißt ›von Früherem her‹ oder ›das Früheren ›Früher‹ ist offensichtlich eine Zeitbestimmung. Wenn wir acht hatten, so mußte uns auffallen, daß wir in unseren Explikationen kein Wort häufiger brauchten als den Ausdruck ›schon‹. Es liegt ›vorgängig schon‹ zugrunde, ›es muß immer schon im vorhinein verstanden sein‹, wo Seiendes begegnet, ist ›zuvor schon‹ Sein entworfen. Mit allen diesen zeitlichen, d. h. temporalen Termini meinen wir etwas, was man in der Tradition seit Plato, wenn auch nicht dem Terminus nach, das Apriori nennt. Kant sagt in der Vorrede zu seiner Schrift »Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft«: »Nun heißt etwas apriori erkennen, es aus seiner bloßen Möglichkeit erkennen.«1 Apriori heißt mithin das, was Seiendes als Seiendes in dem, was und wie es ist, möglich macht. Aber warum ist diese Möglichkeit, genauer dieses Ermöglichende durch den Terminus des ›Früher‹ gekennzeichnet? Offenbar nicht deshalb, weil wir es früher erkennen als das Seiende. Denn zunächst und vorher erfahren


1 Kant, WW (Cassirer), Bd. IV, S. 572.

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