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§ 1. Der traditionelle Begriff der Metaphysik

insofern lagen in diesem Begriff der metaphysica generalis, der ontologia, grundsätzliche Unklarheiten, und zwar seit der Zeit von Plato und Aristoteles bis auf Kant. Kant macht den ersten Versuch, den Begriff der Ontologie zu klären und damit überhaupt diesen Begriff der Metaphysik neu zu fassen. Bei aller Neubildung bleibt aber auch für Kant, wie sich zeigen wird, die eigentliche Metaphysik eine ontische Wissenschaft vom übersinnlichen Seienden. »Das übersinnliche« ist nach ihm der »Endzweck der Metaphysik«5, und zwar das übersinnliche in uns, über uns und nach uns, Freiheit, Gott und Unsterblichkeit.

Kants Begriff der Metaphysik ist erst näher zu entwickeln, wenn wir verstehen, wie er die Grundlegung der Metaphysik durchführt. Zunächst halten wir uns an .die ganz allgemeine Definition, die er einmal in den »Fortschritten« vorlegt: »Sie ist die Wissenschaft, von der Erkenntnis des Sinnlichen zu der des übersinnlichen durch die Vernunft fortzuschreiten.«6 Zweierlei ist wesentlich an dieser Definition: Erstens ist meta';' physische Erkenntnis nicht Erkenntnis durch Erfahrung, sondern durch Vernunft, und zweitens vollzieht sie einen überschritt über das Sinnliche hinaus — wie Kant sagt: zum übersinnlichen, vorsichtiger gesprochen: zum Nichtsinnlichen. Denn Thema der Kantischen Metaphysik ist nicht nur das übersinnliche, sondern auch die Ontologie handelt von dem über das Sinnliche Hinausliegenden, das aber nichts übersinnliches ist, das übersinnliche Seiende ist nur ein Gebiet, das zum Nicht Sinnlichen gehört.

Was Kant also traditionell als Metaphysik vorlag und worin er sich selbst lange Zeit bewegte, ist eine Wissenschaft, die aus bloßen Vernunftbegriffen — Gott, Seele — etwas über das damit gemeinte Seiende ausmachen will, und zwar auf dem Wege einer logischen Zergliederung dieser Begriffe am Leitfaden bestimmter Prinzipien wie dem Satz des Widerspruchs.


5 über die Fortschritte der Metaphysik, Cass. VIII, S. 958

6 Ebd.


Martin Heidegger (GA 25) Phänomenologie Interpretation von Kants Kritik der reinen Vernunft