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Die »Kritik« als Grundlegung der Metaphysik als Wissenschaft

Praxis und das nur kontemplative Verweilen für eine Wesenscharakteristik der Wissenschaft nicht zureichen? Wir fragen: Was charakterisiert die Umstellung des Verhaltens aus dem vorwissenschaftlichen zum wissenschaftlichen?

Beides, das wissenschaftliche wie das vorwissenschaftliche Verhalten, ist ein Erkennen im Sinne des Enthüllens des vordem Verhüllten, des Entdeckens des zuvor Verdeckten, des Erschließens des bislang Verschlossenen. Das wissenschaftliche Erkennen aber ist dadurch bestimmt, daß sich das existierende Dasein als frei gewählte Aufgabe die Enthüllung des schon irgendwie zugänglichen Seienden um seines Enthülltseins willen vorsetzt. Das freie Ergreifen der Möglichkeit eines solchen Enthüllens -als Aufgabe der Existenz -ist als Ergreifen des Enthüllens von Seiendem in sich selbst ein freies Sichbinden an das zu enthüllende Seiende als solches. Das Seiende selbst in dem, was es ist und wie es ist, wird durch diese Aufgabenstellung als die einzige Instanz, die nunmehr das untersuchende Verhalten regelt, frei übernommen. Damit fallen alle Abzweckungen des Verhaltens fort, die auf Verwendung des Enthüllten und Erkannten zielen, es fallen all jene Grenzen, die das Untersuchen in geplanter technischer Absicht beschränken -der Kampf ist einzig auf das Seiende selbst gerichtet und einzig darauf, es seiner Verborgenheit zu entreißen und gerade dadurch ihm zu seinem Recht zu verhelfen, d. h. es als das Seiende sein zu lassen, das es an sich ist.

Wir fragen: Welches ist das wesentliche Strukturmoment, durch das sich ein solches Verhalten -das Enthüllen des Seienden einzig um des Seienden in seiner Enthülltheit willen konstituiert? Welches ist der Grundakt, durch den sich die Umstellung des vorwissenschaftlichen Verhaltens zum wissenschaftlichen vollzieht?

Wir nennen das Verhalten, dadurch sich wissenschaftliches Verhalten als solches konstituiert, die Vergegenständlichung. Was heißt Vergegenständlichung, und welches ist die Grundbedingung ihres Vollzugs?


Martin Heidegger (GA 25) Phänomenologie Interpretation von Kants Kritik der reinen Vernunft