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§ 24. Die Gegenstandsbeziehung auf dem Grunde der Zeitlichkeit

Zu beachten ist, daß von nun an der Terminus und Begriff >Erfahrung< in der Erörterung auftaucht und nicht mehr verschwindet. Zwar wurde er schon in den §§ 15 und 14 der »Kritik« genannt, aber erst jetzt wird dieser Begriff Thema. Freilich fehlt eine ausdrückliche Einführung des Terminus an dieser Stelle entgegen der sonstigen Gepflogenheit Kants, der einen Begriff immer mit der Wendung einzuführen pflegt: »Ich verstehe aber unter ... das und das.« An einer späteren Stelle definiert Kant einmal kurz den Begriff der Erfahrung: »Erfahrung ist ein empirisches Erkenntnis, ... das durch Wahrnehmungen ein Objekt bestimmt.«1 Das will sagen: Erfahrung ist als Erkenntnis ein Bestimmen eines Gegenstandes das Bestimmen aber ist eine Funktion des Denkens, die immer eines Gegebenen, Bestimmbaren bedarf. Wird dieses durch eine Anschauung gegeben, zu der die Affektion durch die Sinne gehört, dann ist das denkmäßige Bestimmen eines so Gegebenen die Erfahrung. Die Erfahrung ist also nicht identisch mit der Wahrnehmung, auch nicht mit einer Rhapsodie von Wahrnehmungen, sondern die Wahrnehmung ist nur ein Wesensstück der Erfahrung, die immer primär eine Art des bestimmenden Denkens bedeutet. Erfahrung ist das denkmäßige Bestimmen des wahrnehmungsmäßig Gegebenen zu einer bestimmten Gegenständlichkeit - der Natur.

Wichtiger und zugleich auch schwieriger ist die Umgrenzung des Begriffes und Terminus ›Möglichkeit der Erfahrung‹, der in den folgenden Erörterungen Kants oft wiederkehrt. Kant sagt zu diesem Begriff: »Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unseren Erkenntnissen apriori objektive Realität gibt.«2 An einer späteren Stelle heißt es: »Die Möglichkeit der Erfahrung, als einer Erkenntnis, darin uns alle Gegenstände zuletzt müssen gegeben werden können, wenn ihre Vorstellung für uns objektive Realität haben soll.«3 Aus


1 K. d. r. V. B 218

2 a. a. O. B 195, A 156

3 a. a. O. B 264, A 217


Martin Heidegger (GA 25) Phänomenologie Interpretation von Kants Kritik der reinen Vernunft