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§ 25. Die transzendentale Subjektivität

e) Die Zeit als Selbstaffektion,
die transzendentale Apperzeption als Selbständigkeit
und die Einheit der Subjektivität

Die Zeit ist apriorischer Selbstangang und zugleich Selbständigkeit, reine ursprüngliche Rezeptivität und ursprüngliche Spontaneität. Die ursprüngliche Zeitlichkeit ist das, worin die Urhandlung des Selbst und sein Selbstangang gründet, und dieselbe Zeitlichkeit ist es, die eine Selbstidentifizierung des Selbst jederzeit ermöglicht. Nur die Zeit gibt die Möglichkeit eines »jederzeit«, und nur die rechtverstandene Zeitlichkeit hat in sich die durchgängige Erstreckung aus der Zukunft über die Gewesenheit in die jeweilige Gegenwart. Kant freilich versteht die Identifizierung des Selbst primär und einzig aus der Gegenwart, in dem Sinne, daß das Ich in jedem Jetzt sich als dasselbe identifizieren kann. Aber es handelt sich um etwas Radikaleres, nicht um das momentane Jetzt, sondern um die Identität und Selbigkeit des eigentlichen Selbst, sofern es frei ist, bestimmt durch das Ich-kann. Das Selbst muß als existierendes sich identifizieren können: Es muß in der Einheit des Entschlusses zu einer Möglichkeit mit der Verpflichtung an die Vergangenheit in jedem konkreten Augenblick sich als dasselbige zukünftig-gewesene verstehen können.

Dieses in alle Dimensionen der Zeitlichkeit sich erstreckende Sich-in-sich-Versetzen ist es, was den echten Begriff, den existenzialen Begriff der Identifizierung des Selbst ausmacht. Bei Kant dagegen kommt die Selbstidentifizierung in die bedenkliche Nähe einer objektiven Identifizierung eines Vorhandenen mit sich selbst, der Unterschied ist nur, daß im Falle des >Ich< dieses Vorhandene sich selbst von sich aus identifiziert -gleichsam ein mit der Apparatur eines Selbstbewußtseins ausgestattetes Vorhandenes. So klar Kant in gewissen Grenzen die Freiheit des Selbst als Wesenscharakter seiner Existenz sieht, so wenig gelingt es ihm, gerade die Selbst-identifizierung

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