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Die Metaphysik des Satzes vom Grunde

Man kann einwenden: dieser Hinweis beweist aber ebensosehr und noch mehr, daß Seiendes, das außerzeitige und überzeitige, ohne die Zeit, daß gerade nicht alles Seiende ›in der Zeit‹ ist. Allerdings! Aber die Frage ist, ob damit der Zeitbezug des Seienden erschöpft ist. Denn es gilt zu sehen, daß die Frage eine ganz andere ist — nicht: ob Seiendes in der Zeit ist oder nicht, sondern: ob das Sein des Seienden im Hinblick auf Zeit verstanden wird. Und da ergibt sich: das Außer- und Überzeitige ist zwar ontisch gemeint als nicht in der Zeit, aber dieses ›Un-zeitige‹ ist eben doch nur ein bestimmter Modus der Beziehung auf Zeit, so wie unbewegliche Ruhe ein Modus von Bewegung ist, nur daß hier noch ein radikaleres Verhältnis besteht. Mithin bedarf es der Aufklärung, warum und wie diese Beziehung möglich ist, und mit welcher inneren Notwendigkeit schon das vulgäre Verständnis des Seins des Seienden auf die Zeit zurückgeht. Ferner: der in Frage stehende Zeitbezug ist nicht erschöpft, ja überhaupt nicht getroffen durch Zeit im Sinne von Innerzeitigkeit. Dieses Seinsverständnis ist selbst der Aufklärung bedürftig. Auch Seiendes, das nicht ›in der Zeit‹ ist, und gerade dieses, wird bezüglich seines Seins nur verstehbar auf dem Grunde der Zeit; hierzu aber ist Zeit radikaler zu fassen. Sein wird verstanden aus einem Zeitbezug, aber das Problem dieses Bezuges von Sein und Zeit ist das ›und‹.

b) Unsere Frage ist, inwiefern schon ein Zusammenhang zwischen Sein und Zeit gesehen wurde. Nach der ersten ganz rohen Hinweisung folgen wir jetzt einer zweiten1, die in sich eine doppelte (α, β) ist.

α) Der terminologische Titel für das Sein des Seienden, der freilich ebenso oft für das Seiende selbst gebraucht wird, ist: οὐσία: Seiend-heit. Sie ist das, was das Seiende als Seiendes, das ὃν ᾗ ὄν, das Sein ausmacht. Und zwar hat οὐσία selbst


1 Vgl. auch in dem Kölner Vortrag: Kants Lehre vom Schematismus und die Frage nach dem Sinn des Seins, gehalten am 26. Jan. 1927.

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