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§ 10. Das Problem von Sein und Zeit

eine doppelte Bedeutung, die nicht zufällig ist, und die bei Aristoteles erst scharf heraustritt, aber bei Plato überall schon festgestellt werden kann:

Οὐσία ist Sein im Sinne des modus existendi, des Vorhandenseins. Ζ. B. »Theaetet«, 155e 4 ff.: εἰσὶν δὲ οὗτοι οἱ οὐδὲν ἄλλο οἰόμενοι εἶναι ἢ οὗ ἂν δύνωνται ἀπρὶξ τοῖν χεροῖν λαβέσθαι, πράξεις δὲ καὶ γενέσεις καὶ πᾶν τὸ ἀόρατον οὐκ ἀποδεχόμενοι ὡς ἐν οὐσίας μέρει . . . diejenigen, die glauben, nichts sei vorhanden, als was sie mit Händen greifen können; alles andere gehöre nicht in den Bezirk der ουσία, des Vorhandenseins.

Οὐσία ist Sein im Sinne des modus essendi: Was-sein, Wasgehalt, Wesen, das, was etwas zu dem macht, was es ist — mag es ›existieren‹ oder nicht. Die lateinische Übersetzung essentia (seit Boethius) trifft daher nicht das griechische οὐσία; dieses ist reicher, es bedeutet auch existentia. Aristoteles will beide Bedeutungen geben, indem er unterscheidet: die πρώτη οὐσία, dieses Seiende, so wie es existiert, das Daß-sein, und die δευτέρα οὐσία, das Was-sein, das Wesen.

Beide Grundbedeutungen sind auf Zeit orientiert. Existentia: dasjenige ›existiert‹ eigentlich, Sein qua existentia bekundet sich in dem, was ἀεί ὄν, was immer ist und niemals, in keinem Jetzt, nicht ist, was ›jederzeit da‹ ist. Essentia bedeutet das Was, die ἰδέα dasjenige, das jedes Seiende im vorhinein als Seiendes bestimmt und daher, als ὃντως ὄν, erst recht ἀεί ὄν ist. Der Zeitbezug wird nicht nur sichtbar an diesem Charakter des ständigen Dauerns, des άεί, sondern noch ursprünglicher, wenngleich noch mehr verhüllt, an einem anderen.

Οὐσία, der Titel für Seiendes und sein Sein (Was und Daß in einem) ist auch ein ontischer Titel, und zwar gerade für das, was im alltäglichen Dasein des Menschen immer verfügbar ist: die Gebrauchsdinge, Haus und Hof, Vermögen, Besitz, das, was im alltäglichen Gebrauch jederzeit zur Hand ist, das zunächst und zumeist immer Anwesende. Die zeithafte Bedeutung von ουσία tritt in dieser vorphilosophischen Bedeutung noch deutlicher heraus. Das in diesem Sinne Gegenwärtige ist


Martin Heidegger (GA 26) Metaphysische Anfangsgründe der Logik im Ausgang von Leibniz

GA 26