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§ 12. Transzendenz und Zeitlichkeit (nihil originarium)
wesentlich abhängig von der jeweiligen Auffassung von Seele,
Subjekt, Bewußtsein, Dasein.
3. Die Zeit ist zwar etwas in der Seele ablaufend Vergehendes,
gehört aber doch nicht eigentlich in das Zentrum der
Seele. Denn die Zeit sieht man von jeher mit dem Raum zusammen;
im Raum, räumlich ist das, was wir mit den Sinnen
erfahren; das gilt demgemäß auch für die Zeit: Zeit gehört
zur Sinnlichkeit (auch noch in der phänomenologischen Auffassung
bei Husserl und Scheler). Wie immer man diese versteht,
sie bleibt von Geist und Vernunft unterschieden, die
selbst nicht zeitlich, sondern außerzeitlich sind. (Bei Kant steht,
das kann man ohne Übertreibung sagen, die Spontaneität als
Freiheit direkt neben der Zeit.)
4. Zeit wird seit Plato unterschieden gegenüber Ewigkeit
und diese selbst mehr oder minder theologisch gedacht. Das
Zeitliche wird dann zum Irdischen gegenüber einem Himmlischen.
Zeit hat von hier aus zugleich einen bestimmten weltanschaulichen
Charakter. Dieser hat dazu beigetragen, daß
man nie eigentlich dazu gekommen ist, das Zeitphänomen in
seiner metaphysischen Bedeutung zu sehen.
All diese Kennzeichen der Zeit, in denen sie dem vulgären
Verständnis, aber auch dem philosophischen bekannt ist, können
nicht schlechthin willkürlich, frei erdacht und erfunden
sein. Das Wesen der Zeit selbst muß dergleichen Auffassungen
ermöglichen, ja sogar nahelegen. Gleichwohl treffen sie alle
gerade nicht das metaphysische Wesen der Zeit.
Wenn man daher sich die Sache leicht macht und einfach
aus diesen vulgären Perspektiven für sich das zurechtlegt, was
die fundamentalontologische Analytik über die Zeit herausstellt,
statt zunächst einmal dieses aus sich und seiner eigenen
Absicht sich anzueignen, dann gerät alles in Verwirrung. Wir
wollen die Hauptcharaktere des metaphysischen Wesens der
Zeit positiv in fünf Punkten festlegen, die aber nicht ohne weiteres
den vier vorgenannten entsprechen: