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Was heißt Philosophie?

als das ein heutiger Großstadtliterat auch nur zu ahnen vermöchte. Nur weil das handwerkliche Verstehen latent schon ein unmittelbares und maßgebendes Verstehen des Ganzen der Welt war, deshalb konnte dann der Ausdruck σοφία sich erweitern und jedes Verstehen bedeuten, insbesondere das Verstehen der Grundmöglichkeiten des Daseins im Ganzen, das Ganze der Dinge, die den Menschen offenbar werden. Dies ist als παιδεία zu verstehen. Deshalb war lange Zeit in der Antike Philosophie gleichbedeutend mit παιδεία κοινώς, was wir ungefähr mit »Bildung«, jedoch nicht mit unserem heutigen »Allgemeinbildung« übersetzen können. So stellt Cicero im Hinblick auf die frühe Ausbildung des Begriffs »Philosophie« fest: Omnis rerum optimarum cognitio atque in iis exercitatio philosophia nominata est.3 »Alles wurde Philosophie genannt, was ein Verständnis der Dinge in ihrem eigentlichen Wesen und ein Sichauskennen in diesem Wesen selbst ist.«

Mit dieser Erweiterung des Kreises des Verstehbaren und mit der Ausweitung des Begriffs σοφία nicht nur auf Musik und Dichtkunst, sondern auch auf Wissenschaft und jede Art der Bildungsmöglichkeit geht aber charakteristischerweise eine Einschränkung einher: Dieses Verstehen erfährt an sich selbst Grenzen. Je mehr der Mensch die Welt im Ganzen verstehen lernt, erfährt er, daß dieses Verstehen nicht ohne weiteres da ist und in Besitz genommen werden darf. Das Verstehen bedarf einer besonderen und ständigen Bemühung, die von vornherein getragen sein muß von einer ursprünglichen Neigung zu den Dingen. Diese Neigung, diese innere Freundschaft mit den Dingen selbst ist das, was mit φιλία bezeichnet wird — eine Freundschaft, die wie jede echte Freundschaft ihrem Wesen nach um das, was sie liebt, kämpft.

Je mehr der σοφός ein Verstehender wird, der in einem ursprünglich-freien, vertrauenden Verhältnis zu den Dingen unausgesetzt


3 Vgl. M. Tullii Ciceroms de oratore, hbri très, with introduction and notes by Augustus S. Wilkms, Oxford 1892, III, 60 (16), S. 459.


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie

GA 27