§ 10. Wahrheit als Satzwahrheit
Wahrheit ist von Haus aus Urteils-, Aussagewahrheit. Urteile und Aussagen drücken sich sprachlich in Sätzen aus. Wahrheit ist Satzwahrheit. »Diese Lampe brennt«, »Diese Kreide ist weiß«, sind einfache Beispiele für eine Satzwahrheit. Einzelne Worte und Wortzusammenstellungen wie »diese Lampe« oder »diese« oder »brennt« können weder wahr noch falsch sein, sondern nur der Satz im Ganzen, d.h. die Verbindung des Prädikats »brennt« mit dem Subjekt »die Lampe«. Diese Überlegung ist einleuchtend. Die Wahrheit liegt in Vorstellungsverbindungen, nicht in isolierten Vorstellungen. Daß die Wahrheit ihren Ort in der Aussage, im Satz habe, ist um so weniger von Zweifeln berührt, als sich dafür sogar Platon und Aristoteles als Kronzeugen anrufen lassen. Seither ist diese Auffassung der Wahrheit unerschütterlich geblieben, sie gehört zu dem ganz Wenigen, was in der Geschichte der Philosophie einmütig festgehalten wird.
Unsere späteren Überlegungen werden an diesem Problem zentral orientiert sein. Deshalb seien kurz einige Belege für diese wichtige Auffassung der Wahrheit als Satzwahrheit gegeben: Aristoteles, De interpretatione, 4,17a 1 sqq.: ἕστι δὲ λόγος ἅπας μὲν σημαντικός, . . . ἀποφαντικὸς δὲ οὐ πᾶς, ἀλλ’ ἐν ᾧ τὸ ἀληθεύειν ἢ ψεύδεσθαι ὑπάρχει; ib. 1,16a 12: περὶ γὰρ σύνθεσιν καὶ διαίρεσίν ἐστι τὸ ψεῦδος τε καὶ τὸ ἀληθές. (συμπλοκή). De anima, 430 a 27 sqq.: ἐν οἷς δὲ καὶ τὸ ψεῦδος καὶ τὸ ἀληθές, σύνθεσίς τις ἤδη νοημάτων ὥσπερ ἓν ὄντων. Jede Rede, alles Reden hat Bedeutung, d.h. alles wünschende, bittende, fragende, befehlende, aussagende Sichaussprechen bedeutet etwas. Aber nicht jede dieser Reden ist λόγος, d. h. nicht jede Rede ist aufweisende Rede. Eine Bitte an einen hat nicht den Sinn und die innere Bedeutungsfunktion, ihm etwas klarzumachen, ihm etwas mitzuteilen, sondern eben von ihm etwas zu erbitten. Entsprechend gibt der Befehl keine Kenntnis im eigentlichen Sinne weiter, sondern er ist eine Aufforderung zu handeln. Also nicht jedes Reden ist Aufweisen derart, daß das Aufweisen von etwas die eigentliche