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Wahrheit — Dasein — Mit-sein

ohne einen Leitfaden von der Idee des Menschen überhaupt. Das, woran ich messe, muß zuvor bestimmt sein, und dieser Maßstab ist demnach — wie jedes Fundament einer Privation — nicht unwesentlich, sondern mitbestimmend für das, was auf privative Weise bestimmt werden soll.

Aufgrund der psychologischen, psychoanalytischen, anthro-pologischen und ethnologischen Forschung haben wir heute reichere Möglichkeiten des Einblicks in bestimmte Zusammen-hänge des Daseins. Aber die Tatsachen und Phänomene, die man aus diesen Forschungen beibringt, bedürfen einer grund-sätzlichen kritischen Revision, sobald sie für wesentliche Arten von Dasein in Anspruch genommen werden. Diese Revision muß von der Grundthese geleitet sein, daß, wenn es sich beim kindlichen Dasein sowie beim Dasein primitiver Völker um ein menschliches Dasein handelt, ihm ein wesenhaft geschichtli-cher Charakter zugrundeliegt, auch wenn wir diesen nicht ohne weiteres erkennen. Gleichwohl liegen hier Probleme ganz eigener Art, deren Problemcharakter wir kennenlernen werden.

Man hat mich schon oft gefragt und meist im Sinne eines Einwands, warum ich bei der Untersuchung des Daseins nur den Tod in das Fragen einbeziehe und nicht auch die Geburt. Ich gehe so vor, weil ich eben nicht der Meinung bin, daß die Geburt lediglich das andere Ende des Daseins ist, das in derselben Pro-blemstellung behandelt werden könnte und dürfte wie der Tod. Man kann für die Untersuchung des Daseins nicht ohne weiteres statt des Todes nun auch einmal die Geburt heranziehen, so wie ein Botaniker bei der Untersuchung einer Pflanze statt von der Blüte auch einmal vom anderen Ende, der Wurzel, anfangen kann. Gerade angesichts des Faktums der Geburt, das in gewisser Weise nicht schlechthin hinter uns liegt, gilt, daß dasjenige, was uns zunächst zu sein scheint, was wir zuerst waren, in der Er-kenntnis das Späteste ist. Zur Geburt müssen wir notwendig in einem Rücklauf gehen, aber das ist nicht einfach die Inversion des Seins zum Tode. Für diesen Rücklauf bedarf es noch einer ganz anderen Ausarbeitung der· Ausgangsstellung als für jeden


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie