125
§ 15. Entdeckendsein beim frühmenschlichen Dasein

anderen Grenzgang im Dasein. Dasselbe gilt entsprechend für die Interpretation der Kindheit, wenn sie nicht lediglich irgend-welche psychologische oder pädagogische Absichten hat.

Wenn wir uns ganz elementar die Art des Daseins eines Kin-des im ersten Moment seines Erdendaseins vergegenwärtigen, so ist es Schreien, zappelnde Bewegung in die Welt, in den Raum hinein, ohne jedes Ziel und doch gerichtet auf. . . Ziellosigkeit ist nicht Ungerichtetheit und Gerichtetheit ist nicht Ausrichtung auf ein Ziel, sondern Gerichtetheit heißt überhaupt auf zu . . ., hin zu . . ., weg von . . .

Was dieses Dasein zunächst bestimmt, ist Ruhe, Wärme, Nah-rung", Schlaf- und Dämmerzustand. Man hat daraus geschlossen, daß dieses Dasein zuerst gewissermaßen noch in sich eingerollt und eingeschlossen, das Subjekt noch gänzlich in sich eingelegt sei. Schon dieser Ansatz ist grundverkehrt, sofern nämlich die Reaktion des Kindes — wenn wir mit diesem Ausdruck uns orientieren dürfen — den Charakter des Schocks, des Schrecks hat. Vielleicht ist der erste Schrei schon ein ganz bestimmter Schock. Schreck ist eine Empfindlichkeit auf Störung, eine Urform des Innehaltens, ein Verhalten des Seinlassens von etwas, aber auch ein Be-stürztsein, eine Betroffenheit von . . ., wobei das Wovon des Betroffenseins noch verborgen ist. Diese Betroffenheit ist aber schon eben eine Befindlichkeit. Das Wesen des Schocks kann man nur im Zusammenhang mit dem Phänomen des Schrecks und der Angst klarmachen. Der Schock bedeutet, daß das Sichbefinden gestört ist, daß ein Unbehagen eintritt, das abgewehrt werden soll.

Es ist nicht so, daß das Kind erst im Verlauf der ersten Wochen aus einem eingeschlossenen Subjekt zu Objekten kommt, son-dern es ist schon — und nicht erst, wenn es dem Dämmerzustand entrissen ist — hinaus zu . . . gerichtet; es ist schon draußen bei . . . Ein irgend Seiendes ist dem Kind schon offenbar, obzwar noch kein Verhalten zu diesem Seienden, keine Zuwendung erfolgt. Die Abkehr und Abwehr und dieses in sich zentrierende Bedürfnis nach Ruhe, Wärme, Schlaf hat einen ganz eigentümlichen


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie