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§ 16. Entdecktheit und Offenbarkeit

Daseins, d.h. mit dessen Existenz. Die Wahrheit gehört demnach zum Dasein als einem wesenhaft entdeckenden. Sofern Dasein sich bei Vorhandenem aufhält, hält es sich in der Entdecktheit des Vorhandenen. Nun ergab sich früher, die Art und Weise, wie Wahrheit (Unverborgenheit des Vorhandenen) zum Dasein gehöre, sei notwendig ein Sichteilen in Wahrheit. Ist nun in der Tat das sich Halten in der Entdecktheit von Vorhandenem im Sein bei diesem ein Sichteilen in die Wahrheit? Jedes Sein bei Vorhandenem, auch das alleinige, soll ein Miteinandersein in sich schließen. Alle Entdecktheit von Vorhandenem soll ihrem Wesen nach solche sein, worein sich Dasein mit anderen teilt, die Entdecktheit demnach solches, was das Dasein nie gleichsam für sich, als einen in sich eingeschlossenen Besitz bei sich verschlossen hält. Alle Entdecktheit von Vorhandenem soll wesenhaft schon sein als geteilt mit. . .

Sind das nicht recht merkwürdige und willkürliche Thesen, denen die nackten Tatsachen einfach widersprechen? Damit, daß jemand etwas festgestellt hat, etwas zuvor Unbekanntes entdeckt hat, wissen es doch noch nicht die anderen. Er kann doch ruhig die Wahrheit für sich behalten. Wie können wir also angesichts dieser unleugbaren Möglichkeit behaupten: Wahrheit über Vorhandenes ist notwendig etwas, worein das Dasein mit anderen sich teilt?

Angenommen, jemand macht eine besondere Entdeckung, eine seltene Pflanze und deren Standort; es könnte sein, daß der glückliche Finder seinen Fund zeitlebens für sich behält und nie ein anderer davon erfährt. Dann ist doch die seltene Pflanze und ihr sonst unbekannter Standort offenbar geworden für dieses einzelne Dasein, und diese Unverborgenheit gehört einzig diesem Dasein; dann kann eben doch Unverborgenheit von Vorhandenem zu einem Dasein als einzelnem gehören.

Behält der glückliche Finder die Wahrheit zeitlebens für sich, so heißt das doch, er behütet sie sorgsam vor anderen und hütet sich, sie anderen mitzuteilen. Darin verrät sich schon, daß er diese Wahrheit mit anderen teilt, nur im Modus des Vorenthaltens;


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie

GA 27