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§ 32. Was ist Weltanschauung?

und begriffliche Bestimmung der Wesensstruktur und Funktion von' so etwas wie Weltanschauung wird also. nur dann hinreichend gelingen, wenn wir einen entsprechend ursprünglichen Einblick in die Wesensverfassung des Daseins haben.


b) Interpretationen von Weltanschauung:
Dilthey — Jaspers — Scheler


So ergibt sich hier eine entsprechende Sachlage wie auf dem ersten Weg; die Frage nach dem Wesen der Wissenschaft führte zurr Frage nach dem Wesen der Wahrheit, diese aber ist eine Grundverfassung des Daseins selbst. Das konnte aber nur dadurch sichtbar werden, daß wir uns von dem überlieferten Begriff des Subjekts und der Subjektivität frei machten, d.h. durch eine radikalere Interpretation der Seinsverfassung des Daseins. Demnach ist zu vermuten, daß das noch viel undurchsichtigere und dabei doch zentralere Phänomen, das wir »Weltanschauung« nennen und das in die Seinsverfassung des Daseins zurückweist, erst recht eine ontologische Interpretation des Daseins notwendig macht. Der Mangel einer solchen Ontologie des Daseins verschuldet es denn auch, daß das Phänomen der Weltanschauung noch so weitgehend unbestimmt ist, daß die Frage des Verhältnisses von Weltanschauung und Philosophie noch ganz im argen liegt. Aber wenn es ein zum Wesen der Philosophie gehöriges Problem ist, dann ist es so alt wie diese selbst; das ist leicht zu zeigen aus Platons »Politeia« z.B., Buch V-VII. Die Frage liegt im argen trotz wichtiger Anläufe zu einer Wesensinterpretation der Weltanschauung, die in neuester Zeit in erster Linie von Dilthey, sodann von Jaspers und Scheler unternommen wurden.

So sagt Dilthey: »In jedem Moment unseres Daseins besteht ein Verhältnis unseres Eigenlebens zur Welt, die uns als ein anschauliches Ganzes umgibt. Wir fühlen uns, den Lebenswert des einzelnen Momentes und die Wirkungswerte der Dinge auf uns, dies aber im Verhältnis zur gegenständlichen Welt. Im Fort-


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie

GA 27