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Weltanschauung und In-der-Welt-sein

Es bleibt seitdem etwas unbefragt und ungeklärt, was Ausgang und Raum für alle Fragen nach dem Sein darstellt: die Charakteristik des Seinsverständnisses gerade in seiner Gestalt und Funktion vor aller logisch-ontologischen Beurteilung, in dieser vorontologischen Gestalt in der ganzen wesenhaften Weite und Vielschichtigkeit. Dieses ist aber nur zu gewinnen, wenn das Seinsverständnis als Ganzes voll und ausdrücklich in denjenigen Zusammenhang gestellt werden kann, dem es wesensmäßig zugehört: Transzendenz — In-der-Welt-sein.

Es besteht aber deshalb, weil wir dieses Problem in seiner ganzen Schärfe sehen, keine Veranlassung, überlegen zu tun; denn das ist dem Wesen der Sache nach nur möglich auf dem Wege einer grundsätzlichen Revision und radikalen Wiederholung des ersten Anbruches. Wir bleiben daher notwendig den Vorläufern verpflichtet.

Um nun dieses unmittelbare Ganze des Seinsverständnisses zu sehen, ist es zunächst notwendig, das Dasein nach den schon mehrfach genannten Grundstrukturen im Blick zu haben — das Vorhandene, Mitdasein der Anderen, Selbstsein — und dieses in der konkreten Einheit des geschichtlichen Daseins mit dem ganzen Reichtum der wesentlichen Möglichkeiten. Vor allem aber gilt es im faktischen Dasein, im Seinsverständnis desselben, die Vielfältigkeit des Seins dieses Seienden zu verstehen, wobei das Seinsverständnis aber nicht von einer Region in die andere hinaus- und übertritt, sondern gleichsam unmittelbar hin und her schwingt im Verstehen von Natur und Geschichte zum Beispiel. Schon das »und« ist hier irreführend: das Schicksal eines Menschen und eines Volkes wird unmittelbar verstanden, ebenso wie ein Wetterumschlag, irgendein Naturumschwung oder das Weben und Regen unseres eigenen leiblichen Daseins, das Schicksal in einer Naturkatastrophe; statt dessen kennen wir mögliche Gebiete je ausgesondert: Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Ontologie; und doch will sich gerade das Eigentümliche so nicht einstellen. Dieses Hin- und Herschwingen in der Vielstimmigkeit des Seinsganzen ist es, was dem Seinsverständnis zentral


Martin Heidegger (GA 27) Einleitung in die Philosophie

GA 27